Santiago Flughafen, ca. 10 Uhr morgen, nach 13-stündigem Flug (10730 km) endlich angekommen; am Tag zuvor gegen 13 Uhr von Leipzig nach Frankfurt gefahren, gegen 20 Uhr nach Madrid geflogen, in Madrid lange keine Starterlaubnis, erst 24 Uhr; in der Enge des Flugzeugs war an Schlafen nur zu denken, unten erkenne ich Lissabons Nachtgestalt, wenige Minuten später verliert sich Europas Küste in der Dunkelheit. Atlantik, Wolken, Sterne, dann, 8h später, gleite ich über die silbrig fluoreszierende Brandungslinie der brasilianischen Küste, südlich von Sao Louis; weitere kleine Lichtinseln im Binnenland.

Nacht/Tag-Grenze holt uns ein, unten erkennt man jetzt Felder und Äcker, bis zum Horizont; kein Wald, wie ich es erwartet hatte, dafür zahlreiche alte Flußläufe, die überwiegend kein Wasser mehr führen und schemenhaft durch das Rechteckmuster der Landwirtschaftsflächen mäandern. Laut Flugkarte fliegen wir über Argentinien möglicherweis auch schon Paraguay. Natürliche Flurgrenzen scheint es hier nicht mehr zu geben, es dominieren geometrische Formen. Erst bei Erreichen der Andenkordillere gehen landwirtschaftliche Flächen in karge, rot-braune Ebenen über, vereinzelt sind kleine Siedlungen erkennbar. Die ersten Andenausläufer zeigen sich als kilometerlange, parallel verlaufende Bergketten, die sich in ihrem Verlauf von einem zum anderen Längsende und von unten nach oben verjüngen, im Querprofil also eine Dreieckform bilden. Von oben wirken diese Bergrücken wie gigantische Würmer, die nebeneinanderher von Norden nach Süden kriechen. Auf diese ersten Ausläufer folgen weite und teilweise schnee(oder salz?)bedeckte Hochebenen, die von kilometerlangen Senken durchlaufen werden, als wären riesige Räder über die Ebenen gerollt. Möglicherweise handelt es sich hierbei im ehemalige unterseeische Flußtäler.

Mehr und mehr Berggipfel ziehen unter mir vorbei, bräunlich, rötlich, keine schroffen Konturen, sondern eher geschliffen, stark erodiert mit schneebedeckten Hängen. Kaum Turbulenzen, dafür gibt es hier erste Wolkenbänke und schließlich eine geschlossene Wolkendecke. Auf der chilenischen Seite der Anden geht der Flieger abrupt in den Sinkflug über, taucht in die Wolkendecke, schwenkt in südliche Richtung und fliegt nun zwischen Andenkordillere und pazifischem Ozean auf Santiago de Chile zu. Weiche Landung nach weiteren 10km. Ich bin ich da!

SantiagoChile1

Passkontrolle, Rucksack abgeholt, der Zollbeamte entwendet meine zwei leckeren spanischen Käse-Tomate-Bocadillos aufgrund der strengen Bestimmungen zum Schutz der heimischen Landwirtschaft vor Schädlingen aber vor allem, weil sie so lecker aussehen. Die Bocadillos landen zu meinem Ärger auf dem Schreibtisch des Beamten, sicherlich zur genaueren Inspektion. Dann zum „Tur Transfer“-Stand gelaufen, als „Alejandro“ erkannt und mit einem Taxiticket ausgestattet worden. Durch eine Horde privater Taxiunternehmer gekämpft, bis zum Tur-Taxi. Das bringt mich in den Stadtteil Bellavista, hält vor einem zweistöckigen Haus mit der Nummer 0547 in der Calle Bellavista, wo mich nach Klingeln und Öffnen der Tür ein Schweizerrrr empfängt, alles richtig gemacht?

Er zeigt mir das Haus und ich muss mich für eins der 4 noch leer stehenden Zimmer im Erdgeschoss entscheiden. Zwei liegen zur morgens und abends viel befahrenen Straße hin, die schließe ich sofort aus, und entscheide mich aus pragmatischen Gründen für ein kleines, innenliegendes Zimmer ohne Fenster und zwei Schränken, aber mit einem großen Stadtplan an der Wand. Nach etwas Smalltalk, einem Rundgang durchs Haus und Einweisung in die Benutzung der Gemeinschaftsküche zieht sich der Schweizer zurück. Ich verstaue meine sieben Sachen in einem der großen Schränke, dusche in dem sehr kleinen, aber sauberen Badezimmer, und genehmige mir anschießend einen Mittagsschlaf. Später wache ich auf, bin mir keiner Zeit bewusst und begebe mich auf Nahrungssuche. Draußen ist es relativ heiß, ich finde eine Bank, hebe 40.000 Pesos ab (ca. 58,-€) und kaufe in einem Laden Brötchen, Käse, Blattsalat, Tomaten, Olivenöl und Rotwein für etwa 8.000 Pesos. Wieder „zuhause“ angelangt, mache ich es mir im Hof des Hauses bequem, dort steht ein Tisch und eine Sitzbank, und lasse mir Salat, Käse und Wein schmecken. Lerne Jonas und Eduardo kennen. Jonas ist aus Hamburg und absolviert ein Praktikum in einem Reisebüro. Eduardo ist Chilene, 46 Jahre als und wohnt schon sehr lange in diesem Haus. Zu dritt schauen wir uns am Abend noch eine chilenische TV-Show an, dann ziehe ich mich zurück, schreibe diesen Tagebucheintrag und gehe wieder schlafen.

Ankunft

 

One Thought on “1. Tag: Santiago de Chile

  1. mobbit on 13. Januar 2014 at 19:45 said:

    „an Schlafen nur zu denken“ – Bravo, Bravó

    musste es dreimal lesen bis ich feststellen konnte dass es so, und vielleicht gar nur so, einen Sinn ergibt.

    Fühle mich wie auf Zeitreise,
    weiter so
    Alejandro

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