Morgenlicht dringt durch die Glasfenster der Flügeltüren meines neuen Domizils und ich erwache halbwegs erholt, wenn auch mit dem unbestimmten Gefühl, mir den Raum mit jemandem oder etwas zu teilen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es sich bei der Erinnerung an das Trappeln kleiner Füße auf braunlackierten Bodendielen um eine Traumepisode handelt. Ich werde das im Auge behalten.

Kopf gewaschen, Käsebrötchen gefrühstückt, aber leider keine Milch im Haus; Durch die Küchenwand dringen Fernsehgeräusche aus Eduardos Räumen. Auf einem der Kleiderschränke in meinem Zimmer finde ich eine schmale schwarze Umhängetasche mit einem Aufdruck der Universidad Santiago und ein paar Trekkingschuhe, die mir besser passen als meine eigenen. Sie sind erstaunlich leicht und wurden durch eine Fußform geprägt, die der meinigen gleicht. War ich vielleicht schon einmal hier? Reiseführer, Stadtplan und Fernglas passen prima in die Tasche und schon finde ich mich draußen auf der Calle Bellavista wieder.

Ich durchwandere einen Park in Richtung Stadtzentrum, der sich entlang des Rio Mapocho durch Santiago schlängelt. Das Wasser des Mapocho ist stark sedimenthaltig und führt eine gewisse Menge städtischen Unrats mit sich, der sich bisweilen an den Rändern des betonierten Flussbetts ablagert. Ich gelange zur Plaza Italia und laufe dann weiter durch die Avenida Vicuna Mackenna. Im Schatten einer riesigen Platane steht eine Banke und darauf sitzt eine häkelnde Frau um die 60, bei der ich mich nach dem Weg erkundige. Sie erklärt mir den Weg zur Plaza de Armas und empfiehlt den Kauf einer aufladbaren Magnetkarte für U-Bahn und Bus. Zweifellos hält Sie es für unvernünftig wenn nicht gar schwachsinnig, in der Mittagshitze herumzulaufen. Ihre Käsebrötchen verdient Sie als Vermieterin und besitzt ein Haus in Madrid und ein weiteren hier in Santiago, nämlich das Haus geich gegenüber der schattigen Platane. Sie fragt mich nach der Monatsmiete für mein Zimmer in der Calle Bellavista, die 400,- € beträgt und bietet mir eine kleine Wohnung in ihrem Haus für 150,- € an. Leider kann ich das Angebot nicht annehmen, einerseits aus Mangel an Geschäftstüchtigkeit, andererseits weil sich ein echter Interessent in die Unterhaltung einbringt und ich mich dankesvoll verabschiede.

Mapocho

Weiter geht es in die Barón P. De Coubertin, quer durch einen Park mit Spielplatz und und dann stehe ich an einer großen Hauptstraße, der Avenida Libertador Bernardo O’Higgins. In westlicher Richtung erhebt sich ein felsiger Hügel, der Cerro Santa Lucía, umgeben von zahlreichen Hochbauten der Neuzeit aus Stein und Glas. Auf der Kuppe erkennt man felsbegründete Türmchen und zinnenbewehrte Mäuerchen. Dichte Vegetation bedeckt die Hänge des Cerro und bildet einen ringförmigen Schutzwall gegen die flirrende, dröhnende, städtische Umgebung. Eingefasst ist dieser Smaragd von einem hohen, gußeisernen Zaun, so dass man, möchte man den Cerro erklimmen, zu einem Haupteingang begeben muss. Da angekommen, trage ich mich unter den wachsamen Blicken zweier Polizisten (oder Parkwächter?) in eine Besucherliste ein. Der Eintritt ist frei. Von den Festungsbauten auf der Kuppe hat man einen grandiosen Ausblick auf die Stadt, die sich scheinbar bis zum Horizont erstreckt. Viele Hochbauten, manche erst im Entstehen begriffen, prägen die verschiedenen Stadtteilzentren und im Hintergrund gen Osten erhebt sich majestätisch die Andenkordillere, beinahe wie eine künstliche Kulisse anmutend, schneebedeckt und durchaus als imposant zu titulieren. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich wohl vor der Zeit der Besiedelung angefühlt hätte, hier oben zu stehen, auf dem Huelén, wie ihn die Ureinwohner, die Picunche nannten. Aber inmitten der Geräuschkulisse, verursacht durch andere Aussichtssuchende aus Nordamerika, Peru und der Schweiz, will sich das Gefühl an eine Zeit vor 1540 nicht so richtig einstellen. Da die Sonne nun auch im Zenit steht und auf meinen unbehuteten Kopf herniederbretzelt, beschließe ich den Abstieg über die durch viele Menschenfüße blankgeriebene, speckig glänzende, graue Felstreppe.

Wieder unten angelangt laufe ich gen Norden Richtung Rio Mapocho und dann nach links zum Plaza de Armas, dem historischen Stadtzentrum von Santiago. Gesäumt von historischen Bauten, darunter das Stadtgeschichtliche Museum, das Historische Museum, die Hauptpost und Santiagos Kathedrale, ist letztere das auffälligste Gebäude in diesem Ensemble. Drinnen staune ich über das langgestreckte Hauptschiff und die zahlreichen Seitenaltäre, aber vor allem darüber, mich geradezu manisch in jeden Sakralbau hineinbegeben zu müssen, nur um festzustellen, dass ich ihn gleich wieder verlassen möchte.

Dann gehe ich nach Hause, aber nicht auf direktem Weg, sondern folge dem Paseo Puente nach Norden und freue mich über die Einlösung dieses Versprechens. Ich überquere den Rio Mapocho über eine alte Brücke, die gleichzeitig als Marktplatz dient. Die hektischen Rundumblicke der Händler und deren Waren lassen darauf schließen, dass dies kein offizieller Marktplatz ist. Hier gibt’s Tand, Uhren, Telefone und Handys zu außerordentlich fairen Preisen, doch dann ertönen Pfiffe und einige der Händler raffen die am Boden ausgebreiteten Decken mitsamt Auslagen zusammen und machen sich aus dem Staub. Nicht weit von der Brücke steht die voluminöse Halle des Mercado Central, in der sich Stand an Stand der legalen Händler reihen. Hier findet man Autoreifen, scharfe Soßen, Fisch, Glücksbringer, Tabak und Hemden mit unfassbaren Mustern. Ich gerate in einen Menschenstrom, der gemächlich durch die Gänge wabert, vorbei an Ständen und Restaurants, deren Inhaber Menschen aus diesem Strom fischen und in ihre Restaurants setzen um sie zu mästen. Wer anschließend bezahlt wird auch wieder in den Strom zurückgeworfen. Ich entkomme den Menschenfischern und finde mich draußen wieder, jedoch dekoriert mit Einkaufsbeuteln gefüllt mit Orangen, Äpfeln und Avocados. Verdammter Markt! Ich werde wiederkommen müssen, um rein garnichts zu kaufen.

Die Orangen erweisen sich leider als ungenießbar, sind trocken, fasrig und fad. Nur einen Augenblick plane ich meine Zukunft als erfolgreicher Orangenhändler, dessen Ware ihr Innerstes so gut zu verbergen versteht. Anschließend toaste ich Brötchenhälften, benetze sie mit Olivenöl und verstreiche Avocadofleisch wie Butter. Dieser Geschmack soll mich auf ewig an Chile erinnern.

Der Tag hätte mit einer in den Nachtschlaf übergehenden Nachmittagsruhe enden können, hätten mich nicht Eduardos „Goal, Goal, Goal“-Rufe durch die Wand aus dem Schlaf geschreckt. Ein wenig Tageszeit bleibt für einen kleinen Rundgang im Viertel, den kurzen Besuch eines Internetcafé und dann ist er doch vorbei, der zweite Tag.

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