Schlecht geschlafen und sehr früh aufgewacht, nachts lärmende Amis und Spanier; bei Regen losgelaufen; kleine Kirche besichtigt, dann in falsche Richtung gelaufen, zurück und Hohlweg abwärts; Apfelsine geschält; an Häusern vorbei, Cruceiro, Gespräch über Alltag der Einheimischen, die den ganzen Tag im Auto von Bar zu Bar fahren.

Bar gesucht, aber viele geschlossen, erst in Salceda Bar geöffnet, 10 km hinter Arzúa; treffen 2 Franzosen und einen Japaner; Bar chaotisch, Kellner verkatert, einen Toast mit Öl und dazu Kaffee; Bar mit Getränkeautomat (steht auch so im „Hölli“); typisch galicische Dörfer mit Steinmauern, Hórreos, Stielkohl; weitere regenbedingte Pause in Bar (frage nach Lied von Manolo Tena; Spanier mit kleiner Tochter; Picknickplatz, Idee mit Bratwurst-Raststelle.

Pause in Lavacolla, großes Bier, Oliven; lange, breite Asphaltstraße, links Fabrikgelände, Villamayor; großes Pilgerdenkmal, Herberge Monte de Gozo; Vorort San Pedro, Pilgerdenkmal mit Päbsten, Foto auf Brücke; bis Innenstadt gelaufen und falsche Kirche für Kathedrale gehalten; stehen später vor Rückseite der Kathedrale, da weißt und Michel „Bon“ und weist uns den Weg zum Pilgerbüro, wo wir uns Zertifikat und Stempel abholen. Rückweg zur Herberge, vorher Abendessen in Kneipe (Calle San Pedro); Herberge gegen 22 Uhr erreicht und allein in 8-Bett-Zimmer, Erholung pur!

Pilgerbericht: Michel „Bon“ aus Kanada

Pilgerwetter:  | Tagesstrecke: 41km | Gesamtstrecke: 720km

7:30 Uhr aufgestanden; Frühstück in Bar, mit Toast und Kaffee; zu Bushaltestelle (No. 6), dann bis Zentralbusbahnhof gefahren um Busabfahrtszeiten zu erfragen (nach Madrid und Finesterre); zur Kathedrale gelaufen, an Pilgermesse teilgenommen, leider keine Weihrauchgondel erlebt; Uwe getroffen.

Eingekauft (Likor de Hierbas und Donuts); in Bar gegangen, lustiger Inhaber, spricht etwas deutsch und war 1966 in Dortmund, anschließend in der Schweiz, erzählt viel über Fußballspiel Deuschland-England ’66 und Uwe Seeler

Regen, Regen, Regen … zurück zur Herberge, lustige Type aus der Nähe von München und Mädchen aus Braunschweig, allein in Spanien unterwegs, von einem Psychologen aus die Reise geschickt; letztes Pfeifchen, Fußball geglotzt (Spanien-Italien 1:0); Spaghetti mit Pulpo und Mejillones gekocht; vor der Nachtruhe noch Kräuterlikörchen getrunken.

Pilgerbericht: Uwe, Münchner, Braunschweigerin

Pilgerwetter: zu Beginn vielversprechend, dann regnerisch, später windig aber trocken | Tagesstrecke: 41km | Gesamtstrecke: 720km

 

Pilgerbericht

ausgeschlafen gegen 8 Uhr morgens wieder auf den Weg gemacht; Wiesen, Weiden und Wäldchen bestimmen die Landschaft;

kommen durch ein kleines Dorf mit einem Restaurant „Die Zwei Deutsche“ (das „n“ fehlte wirklich); dann weiter entlang einer ansteigenden Asphaltstraße, durch ein Gewerbegebiet; bewundern mit andeutungsweise skeptischen Blicken (Augenlieder auf Halbmast) einen Gedenkstein mit den Namen der Mitglieder eines Händlerordens, der Stein wirkt hier verloren, beinahe deplaziert, was an allen anderen vorstellbaren Orten dieser Welt wohl auch zutreffen würde; nicht viele Meter weiter dann endlich wieder ein Pilgerdenkmal, wir mutmaßen ob Pilgerdenkmal und Ordensdenkmal im selben Jahr gebaut wurden, denn nachdem der Beton-Jahresvorrat des Dorfes anscheinend in den Bau des Ordensdenkmal gesteckt wurde, waren für die Errichtung des Pilgerdenkmal wohl nur noch ein paar Metallstangen aufzutreiben, und wer weiß aus welchem Metallzaun eines ungeliebten Nachbardorfes die des Nacht herausgesägt wurden; weiter laufen wir durch ein Schilfgebiet, ein Gebiet mit viel Schilf also, man könnte fast soweit gehen, dieses Schilfgebiet als extrem schilfig zu schildern, genau wegen jenes Schilfes, welches dieses unschuldige Gebiet unterwarf, vollkommen überwucherte und dem sich seinen Weg durch das Schilf bahnenden Pilger die langsam aufkeimende Gewissheit suggeriert, das es sich hierbei um ein Schilfgebiet handeln muss, da es doch hier, und das kann niemand abstreiten, unglaublich viel Schilf zu geben scheint (Anmerkung: Der Schreibstil des Erzählers soll dem geneigten Leser übrigens an geeigneten Textstellen die geistige Verfassung des Pilgers nach 28. Etappen nachvollziehbar vermitteln.); passieren dann eine faszinomenale Brücke in Spitzbogenarchitektur und machen vor diesem Hintergund einige Pilgerhelden-Fotos; die Brücke führt uns in ein kleines versteinertes Dorf mit kleinen Rotsteinschindelgedeckten Steinhäuschen, deren Steinkaminsimse Holzfeuergeruch verbreiten, kleinen mit Steinmauern umgebenen Gemüsegärtchen, und einigen gewichtigen auf steinernen Pfosten tronenden Horreos;

Einkehr in ein Café in Melide, hier wollen wir uns erholen und nicht mehr an Schilf denken, Martin stellt sich an die 30m lange Bar und ist nach 5-stündigem Warten einem Nervenzusammenbruch sehr nahe, das Bestell- und Bediensystem scheint absolut chaotisch, folgt aber doch einer Systematik, die wir mit unseren gut durchlüfteten Pilgerhirnen nicht begreifen, irgendwann bringt man uns doch Kaffee und Churros, wohl als wir (Vorsicht, Philosophischer Ansatz!) aufhörten, Kaffee und Churros zu begehren; wir verließen Melide und einige Raumzeit-Schritte später tat sich ein gigantischer Eukalyptuswald vor uns auf; wir begegnen einer dtsch. Familie, Vater sieht aus wie „Stumpi“, die Kinder streicheln Pferde; steiler Anstieg in den Wald;

Pause in Ribadiso, kleine Gastwirtschaft, die dtsch. Familie kommt auch herein, wir bestellen Bocadillo mit Omelett, Schinken und Bier, da war wohl auch einer leichtes Hungergefühl im Spiel; weiter nach Arzúa, vorbei an Herberge Don Quichote, gelangen in eine schmale Gasse mit Pilgerherberge, Tagesziel erreicht; Schlafsaal, versuchen zu ruhen, wir und 2 Franzosen, als zwei uns „aus Portomarín bekannte spanische Pilger!“ hereinkommen und gemeinsam mit den ruhebedürftigen Franzosen für ein lustiges Schauspiel sorgen, der alte Spanier mit nicht der Situation und Räumlichkeit angepasster Stimmlautstärke zu einem der ruhenden Franzosen: „Hola, que tál! Eh? Todo bien, eh?“, daraufhin einer der unfreiwillig der Ruhe entledigten Franzosen: „I sleep.“, was zwar nun nicht mehr ganz der Wahrheit entsprach, aber doch immerhin seinen zu erwartenden Unmut bestätigte, daraufhin der spanische Alte: „He dormido en esta cama el verano pasado“ (Letzten Sommer schlief ich in diesem Bett), daraufhin der Franzose: -nichts-, er sagte nichts, daraufhin belegte der Alte ein anderes Bett, wir hofften auf gnädige Umstände und darauf, keine Betten belegt zu haben, in welchen andere Pilger im vergangenen Sommer schliefen, welche zur Tür hereinkämen um uns dieses kundzutun, in der Hoffnung wir mögen die Betten wieder räumen, auf dass sie einen Sommer und ein Frühjahr in Folge in genau diesen Betten schlafen könnten, wir blieben verschont; dann auf Einkaufstour begeben, anschließend überfiel eine amerikanische Jugendpilgergruppe die Herberge und gab bis zum nächsten Morgen keine Ruhe mehr; kurz auch die Uwe-Gruppe begrüßt; danach in Bar Salat und Kroketten verdrückt; des Nacht abwechselnd den randalierenden Amis und den zwei redenden Spaniern gelauscht, an Letztere waren wir ja seit Portomarín bereits „gewöhnt“.

Pilgerwetter:  Regen von oben, Regen von unten, von der Seite und Nieselregen, teilweise auch Schilf- und Eukalyptus-Regen | Tagesstrecke: 24km | Gesamtstrecke: 679km

nach einer wenig erholsamen Nacht liegen wir am frühen Morgen missmutig in unseren Herbergsbetten und sehen unsere Zimmergenossen aufbrechen; wir haben es heute nicht eilig, werden dann aber von einem bestockten Wachmann zur Abreise ermuntert; wir setzen uns noch kurz in den Aufenthaltsraum, unser Frühstück besteht aus einigen Krümeln und einem Rest Orangensaft, den uns ein mitfühlender Pilger selbstlos überließ; am Nachbartisch sitzt Christiane mit ihrer Reisegruppe an einem reich gedeckten Tisch bei Kerzenschein, sie stimmen fromme Lieder an, wir aber sind hungrig und müde an diesem Ostersonntagmorgen; wir lassen die Altstadt hinter uns und überqueren eine schmale Brücke über eine Bucht des Stausee’s und laufen einen leicht ansteigenden Waldweg hinauf auf eine Hügelkuppe, es schneit und vor uns laufen einige Dänen und Spanier; Alex hat leichte Knieprobleme und isst einen Teil der Nahrungsreserven damit Rucksack leichter wird;

das Gelände bleibt hügelig, Wiesenland, kleinteilige Waldstücke, unser Weg wird gesäumt von efeubewachsenen Weiden, Buchen, Eichen und verwitterten grauen Mauern aus Feldsteinen; wir überqueren eine Autobahnzubringerbrücke, rasten dann kurz an einem Brunnen, zwei Pilger ziehen vorbei, halten kurz und verpacken sich angesichts des gerade einsetzenden Niesels in blaue Müllsäcke; wir sehen eines der hier typischen Steinkreuze, „Cruceiros“ genannt; erreichen den Ort Palas de Rei und genehmigen uns einen café con leche in der Herberge, außerdem eine durch nichts zu ersetzende, erquickende Fußsalbung mit Hirschtalg;

24km liegen heute schon hinter uns aber wir laufen mutig weiter nach San Xulián, den nächsten Ort; wir durchqueren ein morastiges Feuchtgebiet und überwinden einen überfluteten Teil des Weges auf Trittsteinen, es handelt sich dabei um eine der zahlreichen Passagen, die „für das heiligen Jahr 2004 entschärft“ wurden, diese Reiseführerformulierung entwickelt sich während unserer Wanderung zu einer der beliebten und vielzitierten Redewendungen;

der Weg führt durch kleinere Dörfer, die nun alle über die typischen galicischen Maisspeicher verfügen, die Hórreos; erreichen schließlich den kleinen Ort Casanova, eine Frau versucht uns in ihr Haus zu locken um uns Käse zu verkaufen, wir geben Fersengeld; am Ortsausgang finden wir eine Herberge, wir sind die ersten, und wie sich später herausstellt, auch einzigen Pilger heute; alles ist sauber und einladend, nur scheint niemand zuständig zu sein; aber plätzlich kommt eine kleine Frau aus einem benachbarten Anwesen herbeigelaufen und zeigt uns die Schlafräume, freie Bettenwahl!; sie bietet uns außerdem ein 7 € Abendessen in einem nahe gelegenen Restaurant an, sollten wir zusagen würden wir gegen 20 Uhr an der Herberge abgeholt, wir willigen ein und nutzen die Zeit zur ausgiebigen Körperpflege in den (noch) sauberen Duschräumen; 19:45 Uhr werden wir tatsächlich von einer kleinen dreiköpfigen spanischen Familie mit ihrem Familienvan abgeholt; wir fahren ein paar Minuten in ein benachbartes Dorf und halten schließlich vor einem großen Anwesen, welches in der Hauptsaison offensichtlich als Pension mit Restaurant genutzt wird, aber auch die Familie wohnt hier; wir werden in einer Art Speiseraum an einen Tisch gesetzt, die Frau eilt in die Küche, während ihr Mann unsere Bestellung aufnimmt, wir bestellen was er uns anbietet und fragen nach dem in dieser Gegend typischen Schnaps; kurze Zeit später genießen wir ein vorzügliches Menü und kommen bei galicischem Kräuterlikör auf den Geschmack, würzig, aromatisch und ölig wärmt er sanft unsere allwettergeprüften Kehlen; nach diesem ausgiebigen Gelage bedanken wir uns bei unserer Köchin und preisen wiederholt ihre Kunst, und das bei uns alles zum Besten steht; der Familienvater fährt uns anschließend zurück zur Herberge, wir bedanken uns, und verbringen anschließend die wohl ruhigste und erholsamste Nacht dieser Pilgerreise; während wir friedlich in Casanovas Herberge schlummern, benetzt der hinter vorbeiziehenden Wolkenschleiern verblasste Mond die letzten, gewundenen 65 km des Camino de Santiago mit sanftem kühlen Licht, noch 2 Tage.

nordwestspanien

Handgezeichnete Karte aus dem Originaltagebuch

Pilgerbericht: Pilgergruppe „Christiane“, Müllsackpilger, diverse Dänen

Pilgerwetter: wechselhaft, Schauer, Sonne | Tagesstrecke: 28km | Gesamtstrecke: 655km

Der Tag beginnt mit Nieselregen, der sich später zu ausgiebigem Landregen mausert; kleines Frühstück im wenig gemütlichen Aufenthaltsraum der Herberge, das Wetter ermutigt wenig zum Hinausgehen; die Münchner frotzeln über unsere Regenschutzkleidung bestehend aus Regenjacke, Regenhose, Rucksackregenhülle und Gamaschen, aber ihr Neid ist eine Schwäche, die wir Ihnen angesichts Ihrer eigenen Aussichtslosigkeit, am Ende dieses Tages noch eine trockene Faser am Leib zu tragen, allzugern verzeihen; losgelaufen mit dem Ziel, einen Supermarkt zu finden, auch gefunden und vor Eingang der Öffnung geharrt; für Osterfeiertage Vorräte erstanden, sogar Orangen, Milch und Saft; dann durchqueren wir ein letztes Mal Sarrias Innenstadt, laufen hinauf zur Burg, an einem Friedhof vorbei hinaus auf die Landstraße; wir überqueren eine Brücke und einen Steg und bemühen uns einen steilen und schlammigen Pfad durch einen Eichenwald hinauf; auf der Anhöhe angelangt laufen wir einigermaßen verschwitzt einen relativ flachen Feldweg entlang, die Regenbekleidung ist eigentlich zu warm beim Laufen, aber das Wetter bleibt sehr wechselhaft;

die schweren Rucksäcke erleichtern uns die Entscheidung, das erstbeste Café aufzusuchen; in Barbadelo werden wir fündig, im Café bedient und konsumiert die Dorfjugend, Erwachsene scheint es hier nicht zu geben; etwas später kehrt eine kanadische Frauenpilgergruppe ein, sie benötigen mehr Zeit fürs Ablegen und Anlegen ihrer Regenschutzausrüstung als für den eigentlichen Aufenthalt im Café, wir unterhalten uns etwas mit ihnen bevor sie ihres Weges ziehen, ich sollte Wochen später das Vergnügen einer Wiederbegegnung auf dem vereinsamten Marktplatz zu Avila erfahren; wir begeben uns wieder auf den Weg und folgen ihm über Wiesen und Felder, vorbei an vereinzelt stehenden Baumgruppen und kleinen Dörfchen, überqueren manchmal kleine Wasserläufe über Trittsteine;

wir passieren schließlich Kilometerstein 100, so viele Kilometer liegen noch zwischen uns und Santiago; wir legen immer wieder Pausen ein um Regenhosen entweder an- oder auszuziehen, das Wetter ist an diesem Tag sehr wechselhaft, aber nach über 600 km zurückgelegter Wegstrecke geringschätzen wir uns nicht geneigte Wetterunbilden höchstens noch mit einem heiseren, verächtlichen Räuspern oder Hochziehen und kurzen verkniffenen Blicken; nach weiteren tapfer zurückgelegten Kilometern erreichen wir einen riesigen Stausee über welchen eine sehr hohe und lange Brücke führt, auf der anderen Seite des Sees erhebt sich ein Hügel, an dessen Seiten sich die menschlichen Behausungen des Ortes Portomarín schmiegen, dem heutigen Tagesziel unserer Wanderung. Wir erfahren, dass Portomarín vor Bau des Staudamms Belesar genau da lag, wo wir jetzt von der hohen Brücke ungläubig in die dunklen Wasser des Stausees starren, nur ein schiefergedecktes Dach eines Speicherturms ragt noch aus dem Wasser;

wir laufen nun Richtung Innenstadt, entfernen uns von den längst überfluteten und versunkenen Überresten dieser von hier geflohenen Stadt; in der Nähe der Wehrkirche San Juan, die übrigens Stein für Stein umgesetzt wurde und so der Überflutung entging, finden wir die gut besuchte Pilgerherberge; wir teilen uns einen sehr kleinen und schlecht belüfteten Raum mit einem jungen deutschen Pärchen, einem mittelalten und einem steinalten Spanier, letztere sind wohl gemeinsam unterwegs und rauben uns später sowohl Schlaf als auch Nerven; so langsam kommen wir auch in den Genuss ausgebuchter Herbergen nach regnerischen Tagen, wenn in den Räumen und Fluren hunderte durchnässte Schuhe und Wandersocken ihre mit individuellen Geruchsnoten versetzte Feuchtigkeit an die kaum noch atembare Raumluft übergeben; man läuft durch die gesamte Herberge und durchsucht jeden Winkel nach hoffentlich vorhandenen, geheimen Toilettenpapierdepos; wir machen Gebrauch von der Herbergswaschmaschine und genehmigen uns zu guter Letzt ein Pilgermenü in einem der zahlreichen Restaurants in der Nähe der Herberge; im Gemeinschaftsraum der Herberge leeren wir vor der Bettruhe noch eine Flasche Rotwein und konsumieren Zeitungskultur, alles im Rahmen der uns an diesem Tag verbliebenen Pilgerenergiereserven;

dann machen wir noch Bekanntschaft mit dem lustigen Basken Garri, einer ebenso lustigen Spanierin und einer dänischen Oma mit ihrer dänischen Enkelin; Garri kommt irgendwie auf Franko zu sprechen, spricht den Namen laut aus und während der ausgesprochene Franko langsam durch den Raum schwebt schauen ihm die an anderen Tischen sitzenden Pilger ungläubig nach, die Situation scheint surreal und dauert gefühlte Stunden, dann ist auf einmal alles wieder normal, Garri grinst ironisch und die Unterhaltung nimmt ihren Lauf; die Münchner haben nichts mitbekommen und bringen derweil an einem anderen Tisch spanischen Jugendpilgern das Drehen von Joints bei; unsere Zimmerspanier schnarchen des Nachts gemeinsam um die Wette, der steinalte Spanier weckt ab 3:30 Uhr jede halbe Stunde seinen Begleiter, vermutlich um zu fragen wann es endlich los geht, und beide unterhalten sich mitten in der Nacht in überdurchschnittlicher Zimmerlautstärke, wir nehmen es war, glauben es aber nicht, zu abstrakt.

Pilgerbericht: Münchner, Schnarchende und des Nächtens laut redende Spanier, Christiane (ihr richtiger Name ist uns nicht bekannt) + Freund, Der Baske Garri, unbekannte Spanierin; Oma + Enkelin aus Dänemark

Pilgerwetter:  | Tagesstrecke: 21km | Gesamtstrecke: 627km

Nach reichlich Überwindung die warmen Betten verlassen und in die noch kühlen Pilgersachen gewunden; Frühstück mit Kaffee und leckeren Riesentoastbroten, das Brot wurde vermutlich direkt in diesem Dorf gebacken; hinaus auf den Camino, das Land liegt in dichtem Nebel, Baumzweige und Büsche sind mit frischem Raureif überzogen, Hände und Gesicht fühlen sich nach kurzer Zeit eisig an;

wir durchqueren den Rest des langezogenen Dorfes Fonfría; nur allmählich lichtet sich der Nebel um uns herum und erlaubt den Blick auf eine teils bewaldete Hügellandschaft mit Wiesen, Felsen, Serpentinen, Sträßchen, Hochspannungsleitungen und kleinen Dörfern; unterwegs kommen wir an einem alten „Viduedo“ genannten Weiler vorbei, hier steht eine uralte, aus Felstrümmern und Feldgestein gebaute Kirche, ein Wegstein nennt uns stumm die Entfernung bis Santiago, 136,5km; etwas weiter queren wir eine Straße, darunter gibt es eine für Pilger gebaute Unterführung, sie ist verschlammt und wird wohl eher selten, wenn überhaupt benutzt; wir kommen durch Fillovál, ein alter Mann zeigt uns den Weg, wir verstehen nichts, laufen aber in die uns empfohlene Richtung, es gibt keine Grund an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln; dann folgen wir einem links und rechts mit Kastanien bewachsenen alten Hohlweg nach As Pasantes, das Glück ist uns hold, denn wir müssen den engen Hohlweg während unserer Passage nicht mit einheimischem Vieh, gleich welcher Art, teilen;

kommen an einer riesigen Kastanie vorbei, in einer Ausfurchung ihres mächtigen Stammes liegt eine leere Flasche Astmaspray, in geheimer Kenntnis des verborgenen Sinns nicken wir uns unmerklich zu, eindeutig, hier sind schon andere Pilger vorbeigekommen; finden eine Bar und genehmigen uns Bocadillos und Magdalenas, dann laufen wir weiter bis Triacastela, dort findet Pilger Alex zu seiner Überraschung einen bereits lang erhofften Geldautomaten, wird beim Abheben aber kurz von einem ver(w)irrten Pilger gestört, welcher von außen an die Glastür der Automatenkammer klopft; von Triacastella wollen wir nach Sarria, ein Weg führt durch die Täler des Flusses Sárria und über die Klosteranlage Samos (2! Kreuzgänge), wir entscheiden uns jedoch für den laut Reiseführer („Hölli“) „landschaftlich NOCH attraktiveren Weg“ über diverse „traditionelle galicische Bauerndörfer“; am Ortsausgang sehen wir Angler an einem kleinen Bach;

wir bewundern unterwegs beeindruckende Hohlwege (die „corredoiras“), in den Dörfern freilaufendes Federvieh oder Kühe in ihren Ställen, die Landschaft bezaubert durch üppiges Grün und den leuchtend gelb blühenden Ginsterbüschen; an einem Pilgerbrunnen mit einem riesigen Wasserbecken, über dessen künstlerischen Wert in Kennerkreisen noch gestritten wird, treffen wir eine rüstige Berlinerin; der Autor unseres Reiseführers fragt sich, was die früheren Menschen als „Fußbekleidung trugen, als es noch keine Gummistiefel und Goretex-Trekkingschuhe gab, eine gelungene Anspielung auf die häufig schlammigen Hohlwege Galiciens; einige Dörfer weiter, und wir erreichen schließlich Sarria, am Ortseingang tront ein riesiger roter Granitblock, der als Pilgerdenkmal dient; ins Stadtzentrum gelangen wir erst nach Bewältigung eines durchaus beachtlichen Anstiegs und viele, viele Stufen; quartieren uns in der staatlichen Herberge ein und belegen ein Doppelstockbett in einem der engen, stickigen, später komplett belegten Zimmer, in unserem lärmt eine Gruppe spanischer Halbstarker umher; wir verdrücken uns lieber nach draußen um Sarria zu erkunden, lassen unsere Pilgerausweise in einer Kirche mit äußerst roter Farbe abstempeln und laufen dann weiter durch die engen Gassen der Stadt; hier gibt es viele kleine Herbergen, Hotels, Restaurants und Bars, aus einer springt Uwe und grölt uns „Leipzig, Leipzig“ hinterher, der Anschluss an die „Gruppe“ ist wieder hergestellt; wir suchen uns mit Uwe und den anderen uns schon bekannten Gesichtern ein Restaurant uns essen dort zu Abend; bald jedoch macht sich Unruhe breit und wir verlassen das Lokal, denn der der traditionelle Osterumzug steht bevor, mit wahrhaftig ergreifenden Momenten, denen sich auch die hartgesottensten Pilger emotional nicht entziehen können;

Kapuzenträger, Kreuze, schwarze Maria, Stille, taktgebende Trommelschläge; wir folgen dem Umzug einige Zeit und begeben uns dann zurück in unser sauerstofffreies Domizil

Pilgerbericht: Pilgergruppe „Uwe“

Pilgerwetter: kalt und neblig zu Beginn, später bedeckt, aber trocken und pausentaugliche Temperaturen | Tagesstrecke: 25km | Gesamtstrecke: 606km

Tee gekocht, kurzes Frühstück; bei sonnigem Wetter durch grüne Auen gelaufen, silbern glitzernde Bäche und Kühe; Anstieg durch Wald, auf Anhöhe Dorf vorgefunden, Pause in Bar, schwarzer Hund; gallizischer Grenzstein;

dann bergauf nach O Cebreiro; dort typische Rundbauten und alte Kirche; Brot gekauft, dann Rast inmitten Stechginster, aber toller Ausblick in diverse Täler, im Wald liegen Schneereste; dann Abstieg in ein Tal, dann wieder hinauf über einen Pass, Pilgerdenkmal; die Herberge in Alto de Poio ist leider geschlossen; laufen ins 3km entfernte Fonfría; große geräumige Herberge mit riesigen Massivholz Doppelstockbetten; nur einige wenige Pilger schlurfen gelegentlich durch den großen Schlafraum; geduscht und geruht; gegen 21 Uhr hungrif wieder aufgewacht; Frau an Rezeption empfiehlt und nahegelegenes Restaurant, meint aber wir wären sehr spät dran; draußen ist es bitterkalt und windig; laufen zu einem großen Rundbau, Haupttür geschlossen, in der Küche brennt aber noch Licht, klopfen an und fragen eine uns öffnende Frau höflich nach Futter („para comer?“), Sie meint es wäre schon spät, gewährt uns aber Einlass; durch die Küche gelangen wir in den geräumigen Hauptraum der Rundhütte (gal. „Palloza“, Keltenarchitektur),

dort gibt es in der Mitte einen Kamin, in dem noch ein paar Holzscheite knistern, es gibt einen großen runden Tisch an welchem noch 3 offensichtlich reichlich bewirtete Pilger sitzen, diese sind aber bereits im Aufbruch begriffen; dann bringt man und Besteck, Teller, Gläser, Brot, Wein und alles was sich in der Küche noch auftreiben lässt, unmöglich alles aufzuessen, wir müssen kapitulieren; kugelrund gefuttert laufen wir kälteschnatternd die 100m zurück zur Herberge;

dann umgehend wieder in die Betten geklettert und geschlafen; des Mitternächtens noch einmal aufgewacht, eine seltsame Pilgergruppe querst im Entenmarsch den Schlafsaal, Herkunft und Ziel unbekannt, dann sofort wieder eingeschlafen

Pilgerbericht: Pilgergruppe „Entenmarsch um Mitternacht“

Pilgerwetter: sonnig, kühl, nach Sonnenuntergang bitterkalt und windig | Tagesstrecke: 24km | Gesamtstrecke: 581km

frühstücken trockenen Keks mit Brotresten, dazu gibts mehrere Liter Tee, an Teebeuteln und Wasser mangelt es nie; Münchner am Tisch; Frühstückspfeifchen; Alex muss in Farmacia, Hustenpastillen kaufen; erschöpft vom Aufstehen, Frühstücken und Hustenpastillen kaufen, begeben wir uns in die nächste Bar um Kaffee zu bestellen, wir sind an diesem Morgen bereits über 300 Meter gelaufen, wenn nicht noch mehr; gestärkt begeben wir uns auf den „camino duro“, den schweren Weg, welcher nur geübten Wanderern empfohlen wird;

nach steilem Aufstieg wandern wir über breite Bergrücken; Blick auf Täler, die neue A6, sowie die alte N-VI und noch ältere Straßen; Weg führt durch Edel- bzw. Esskastanienwald; der Abstieg ins Tal etwas verstolpert, der Weg ging uns abhanden und nur ein schmaler Pfad durch hohe Ginstersträucher zeugt von ähnlichen Pilgerschicksalen; einen beinahe-Absturz in eine 3m tiefe Straßenböschung überleben wir unversehrt;

Eine der wenigen nicht gestellten Momentaufnahmen.

Eine der wenigen nicht gestellten Momentaufnahmen.

dann Dörfchen, Brunnen, Brunnenkatze, weiter gelaufen nach Ambasmestas; schicke kleine Pilgerherberge, die Sonne lacht; deutsche Pilgergruppe „Christiane“ mit seltsamer Köchin; polnischer Pilger läuft barfuß mit Turnschuhen bis zu 50km am Tag; kleines und großes Bier in Dorf-Pub; Einkauf in Dorf-Lädchen; Pilger-Menü in Dorf-Mesón, herausragende Fischsuppe, dann Pollo-Hühnchen und natürlich Tarta de Santiago, original galicische Dudelmusik, nach 5 Wiederholungen des Albums müssen wir gehen; zurück in Herberge hofft Alex auf eine hustenfreie, ruhige Nacht, andere Pilger teilen diese Hoffnung im Stillen.

Pilgerbericht: Pilgergruppe „Christiane“ (pilgern jedes Jahr, überqueren Pyrenäen oft bereits im Februar)

Pilgerwetter: ausgezeichnet, sonnig und warm | Tagesstrecke: 17km | Gesamtstrecke: 557km

Früh sind wir wieder die letzten die sich auf den Weg machen (Nicole, Martin und Alex), es fühlt sich jedoch richtig an, die Papas machen wieder einmal alles richtig; entlang der Straße über Hügel, die Sonne schmunzelt verschmitzt durch die endlich aufreißende Wolkendecke; von Straße auf Feldweg durch kleine Dörfer; arglistige linkische Hunde überfallen uns nach vorerst angetäuschter Flucht von hinten, unsere Wanderstöcke verhindern schlimmeres; Pilger waren bereits im Mittelalter eine willkommene Nahrungsergänzung für verlauste Dorfköter, diese Kötertradition hat sich offensichtlich bis ins Zeitalter von Pedigree, Chappi, Frolic und Happy Dog erhalten, da die Pilgerjagd heutzutage eher aus sportlichen Motiven betrieben wird;

littlehunter

Ponferada erreicht, Uwe ist schon da, wir trinken gemeinsam Kaffee gegenüber der alten Templerburg in einem Templercafé, sitzen auf Templerstühlen an einem Templertisch, trinken aus Templertassen, denken uns aber nichts dabei; Geld abgehoben, dann kurz den Weg aus den Augen verloren, Brücke überquert, Batterien für Alex‘ Kamera gekauft; Versuch Ponferada zu verlassen scheitert beinahe an nicht enden wollendem Weg entlang der Straße; bis Brunnen bei großer Genossenschafts-Weinkellerei, Nicole getroffen; Pause, Essen, Trinken; über Autobahnbrücke, durch Weinberge, viele Fotos bei eindrucksvoller Lichtstimmung; bis Herberge in Cacabelos gelaufen, ist wider erwarten geschlossen; durchgeatmet, Hirschtalg nachgesalbt, Sockenwechsel;

dann bis Villafranca del Bierzo gelaufen, riesige Regenbogen; am späten Nachmittag Herberge erreicht, gut gefüllt; in unserem Zimmer ein französischer Kanadier namens Michel der „Bon“ sagt, sein Wandergefährte erklärt uns es sei noch Winter, Alex hielt es für praktisch das Fenster zu öffnen, da Sauerstoff seiner Ansicht nach ein menschliches Grundbedürfnis sei.

Pilgerbericht: Michel Bon (sollte am Ende unserer Reise eine unerwartete Rolle zukommen); zwei geschwind wandernde Spanier in den Weinbergen; die „Münchner“ (zwei Münchner)

Pilgerwetter: wechselhaft, Schauer, Sonne | Tagesstrecke: 32km | Gesamtstrecke: 540km

Tee-Frühstück, wir sind die letzten Herbergsgäste, die sichan diesem sonnigen Morgen auf den Weg machen; starker Anstieg kurz hinter Rabanal bis hinauf in das Bergdorf Foncebadón; starker Nebel, Foncebadón von Geistern bewohnt, Steinruinen links und rechts des Weges, dann inmitten der Ruinen eine neue Herberge mit Café, in letzterem vom Anstieg erholt, bekannte Gesichter an Nachbartischen; Pass-Straße bis Cruz de Ferro, Erika und Ingo fotografieren uns, wir fotografieren sie, lauschen anschließend Ingos beeindruckender Lebensgeschichte;

weiter bis Manjarín (Templerherberge) -> Thomas spaltet Holz; Café (was sonst) in El Acebo, zuvor von Nicole bei Gesangsübungen überrascht worden, befand sich elbenhaft getarnt am Wegesrand; Ingo rät uns zurückzulaufen um versteinerte Bäume zu betrachten; also El Acebo, „vorkragende Holzbalkone“ (Höllhuber’sche Formulierung); Alex fotografiert Pichelfamilie auf eigenen Wunsch, lässt sich aber nicht verkuppeln; einsetzender Landregen, am Ortsausgang Denkmal für verunglückten deutschen Radfahrer; wir folgen Maultierweg, große alte Bäume, steiler Abstieg im Regen nach Molinaseca, Überquerung einer alten Spitzbogenbrücke; Abendessen mit Uwe und Nicole „Pasta a la Túna“.

Pilgerbericht: Nicole, Uwe, Claudia, Susanne, Ingo, Erika u.v.a.

Pilgerwetter: sonnig, neblig, regnerisch, 10-15°C | Tagesstrecke: 26km | Gesamtstrecke: 508km