Tag 5: Donnerschall rollt durch die umliegenden Täler und stroboskopische Lichtblitze erhellen die rabenschwarze Nacht. An Bettpfosten und -streben trocknende Socken, Handtücher, Taschen, Hemden und T-Shirts verwandeln sich mit jeder Funkenentladung im Strom der durchs offene Fenster dringenden Windböen in geisterhafte Puppenspieler, deren Schattenfiguren auf der Leinwand der weiß getünchten Schlafsaalwände grausam schöne Geschichten nachstellen. Draußen senkt sich ein mächtiger Regenvorhang rauschend herab und mit ihm die treue Gefolgschaft unzähliger fließender, triefender, tropfender, glucksender, träufelnder, blitschernder Wasserwesen, deren flüsternde Stimmen den Schattenfiguren an der Wand zu gehören scheinen. Jemand steht auf, schließt das Fenster und verschmilzt nach kurzem Innehalten und einem langgezogenen Seufzer wieder mit den schemenhaften Konturen eines der Doppelstockbetten. Hoffend, die Wetterunbilden mögen sich diese Nacht kräftig verausgaben und uns morgen nicht behelligen, gleite ich in tiefen Schlaf.

7 Uhr, Hämo-V und die Anderen sind schon längst auf den Beinen und stopfen entschlossen Siebensachen in Rucksäcke. Irgendwo knistern und knatastern böse Menschen laut mir Plastiktüten, oder lassen sich böse Plastiktüten von Haspel-fingrigen Menschen knistern und knatastern. Martin ächzt in der unteren Bettetage und zeigt sich wohl uneinverstanden mit der allgemeinen Aufbruchstimmung. Liegenbleiben hat keinen Sinn mehr, wir kraxeln schließlich doch aus den Betten und begeben uns wenig später mit gepackten Sachen und blankgeputzten Gebissen hinab ins Erdgeschoss. Schnell ziehen wir zwei Becher Kaffee an einem der in Pilgerherbergen sehr seltenen Münzautomaten und Martin spendiert Müsliriegel. Wir wollen nun endlich los, doch das Hauptportal ist verschlossen. Richtig, der Hospitalerowird erst in einer Stunde erwartet aber wir stürzen, einem plötzlichen klaustrophobischen Impuls folgend durch die Hintertür ins Freie und retten uns über einen niedrigen Zaun auf die Straße.

Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet zum Glück nicht mehr. Wir laufen ein paar Schritte und es beginnt zu regnen. Der Regen beginnt eigentlich nicht, er plätschert sturzflutartig vom Himmel und der sanfte Übergang von Vor- zu Jetztwetter wurde irgendwie herausgeschnitten. Wir erreichen eine unbelebte Hauptstraße und folgen dieser ein paar hundert Meter, bevor wir nach links abbiegen und einen schlammigen Platz queren. Vor einem riesigen und sicher uralten Eukalyptusbaum halten wir kurz inne und recken blinzelnd unsere Nasen in die Höhe und den Regen. Die Baumspitze ist kaum zu erkennen, sie verliert ihr Grün an die vom Boden aufsteigenden Dunstschleier und nimmt das Grau des Himmels an.

Rain Dogs

Rain Dogs (© Martin)

Außerhalb von Portela de Tamel schlängelt sich der Camino als Feldweg, oder heute vielmehr als Feldbach, durch Weinanbaugebiet, Obst- und Gemüseplantagen. Mancherorts bilden die wuchernden Weinreben natürliche Blattdächer, die mitnichten einen wirksamen Schutz vor der alles durchdringenden Nässe spenden. Ich entdecke einen Rebstock mit den besonders schmackhaften, hier eher selten vorkommenden weißen Trauben. Mit knurrendem Magen stürze ich mich auf den Rebstock und verschlinge nicht einzelne Beeren, sondern ganze Trauben. Angesichts dieser Fressorgie kann auch Martin nicht an sich halten, Traubensaft rinnt durch Kinnbärte, Schalenreste, Kerne und Traubenstengel liegen wie Strandgut verstreut an den Miniaturufern rostbrauner Pfützen und Rinnsale. Aufgekratzt durch diese hochwillkommene Zuckerinfusion setzen wir den Weg fort und durchqueren die zunehmend wasserführenden Senken im Laufschritt.

Endlich erreichen wir eine kleine Ortschaft und entern die erstbeste und vermutlich einzige Kneipe. Wir bestellen Kaffee und Bocadillos bei der etwas zu blassen jungen Dame an der Theke. Die überwiegend älteren Herren, die sich hier aufhalten, zeigen sich unberührt ob unserer Erscheinung oder lassen sich einfach nichts anmerken. Auch die sich um uns herum ausbreitenden Wasserlachen auf den Bodenfließen werden nicht mit Aufmerksamkeit honoriert was mich dazu ermutigt, aus den schmatzenden Flößen zu steigen, die einmal meine Schuhe waren und die Socken auszuwringen. Da sich niemand mokiert, entledige ich mich auch dem Rest meiner klatschnassen Sachen, bis auf Hose und T-Shirt versteht sich, und wechsele auf der nicht gerade geräumigen Toilette in die letzte mir verbliebene trockene Garnitur. Dies sollte der vorerst letzte Tag unserer Wanderung sein, an dem ich trockene Wäsche als angenehm empfinde.

(© Martin)

Aufgewärmt, gestärkt und halbwegs trockenen Fußes setzen wir die Reise fort, stets misstrauisch den grauen Himmel beäugend. Hoffnungsvoll laufen wir ein paar Meter als unvermittelt Starkregen einsetzt. Die Stimmung ist gedämpft bis angespannt und entlädt sich jäh in der Nähe eines Bildstocks, als Martin sich anschickt einen offenen Schnürsenkel zu befestigen. Die bisher unerkannt gebliebene Fehlkonstruktion seiner Rucksackregenhülle verhindert das Ablaufen eingedrungenen Regenwassers. Infolgedessen ergießen sich mehrere Liter frischen Regenwassers während des Bückvorgangs direkt in Martins Hosenboden, was infernalisches Geschrei und eine wohlfeile Auswahl der allerschlimmsten Flüche hervorruft. Die letzte trockene Wäsche ist passé und es liegt noch ein weiter Weg zwischen uns und dem heutigen Tagesziel.

Letzthin schlagen wir uns Seemannslieder und „row, row, row your boat“-Kanons singend doch noch bis Ponte de Lima durch. Das trutzig mittelalterlich wirkende Städtchen, so munkelt man, ist eine der ältesten Siedlungen Portugals und wurde von den Römern einst als Garnison zum Schutz der hier verlaufenden alten Handelsstraße gegründet. Wir folgen dem Verlauf einer breiten und überdimensioniert anmutenden Platanenallee in die Stadtmitte. Um einen nassen Faden wäre es von belangloser Natur, das unablässige Strömen des Landregens und den Zustand unserer nunmehr funktionslos gewordenen Funktionsbekleidung zu erwähnen, würden diese Umstände nicht die fassungslosen Blicke veranschaulichen, die wir nun stumm auf die Frau in der Touristeninformation richten. Freundlich, fast mitleidig klärt die uns darüber auf, dass die öffentliche Herberge erst in 3 Stunden in Tore öffnen soll. In Ansätzen resigniert ersteht Martin ein paar Postkarten und Briefmarken, während ich meinen nassen Klumpatsch von Strohhut besorgt auf möglicherweise schon vorhandene frische Triebe hin untersuche.

Bei Verlassen der Touri-Info, die in einem alten Wachturm untergebracht ist, treffen wir draußen auf eine kleine Pilgergruppe. Nach einer Stadtbesichtigung steht uns jetzt eher nicht der Sinn, also queren wir den Fluss Lima über eine mittelalterliche Steinbrücke in Richtung der Herberge und hoffen, die Zeit bis zur Öffnung in einer Kneipe, einem Café, hauptsächlich an einem trockenen Ort vertrödeln zu können. Praktischerweise befindet sich gleich neben der Herberge ein Café, das wir schnell durch eine der trotz des Wetters weit geöffneten Flügeltüren betreten. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelt sich einer der Tische in eine Geröllhalde nasser Jacken, Hosen, T-Shirts, Socken, Schuhe, Einlegesohlen, Handtücher, Rucksackregenhüllen, Reiseführer, Kameras, Tüten und anderer Gegenstände. Nasse Wäsche wird gegen weniger nasse Wäsche gewechselt und dann bestellen wir Tee, Kaffee und Sandwiches. Auf einem Wand-TV läuft Fußball.

Später trifft ein schwedischen Ehepaar ein und setzt sich an einen Nachbartisch. Sie berichten kurz von ihrer bisherigen Reise und wir von der unseren. Dann ist es auf einmal soweit, die Herberge öffnet und wir sind die ersten an der Rezeption. Ein Mädchen nimmt unsere Personalien auf und bittet uns dann im Vorraum auf den Hospitalero zu warten. Ein älterer kleiner fast kahlköpfiger und sehr behender Mann eilt herbei und öffnet das große eisenbeschlagene Tor, durch welches wir ins Innere des Heiligtums gebeten werden. Das ist keine Herberge, das ist ein Tempel der kristallinen Reinlichkeit, des frisch getünchten Kalks, des ölpolierten Holzes und fugenreinen Steins. Der Hospitalero führt uns durch die gemeinschaftlich zu nutzenden Räumlichkeiten, dabei deren Zweck erläuternd und nicht ohne Stolz deren erlauchten Zustand betonend. Diese Einrichtung kennt weder Sockenschmauch und Pfeifenrauch, noch Fettränder und Schweißbänder, noch Ohrenschmalz und Achselsalz. Wie die ersten Menschen laufen wir taumelnd umher, erklimmen Stufe um Stufe und erreichen schließlich trunken den olympischen Schlafsaal im höchsten Stockwerk. Ungefähr 30 bis 40 Holzbetten mit blauen Plastikmatratzen reihen sich in gleichmäßigem Abstand aneinander. Mit einem Blick, der innere Zwiespalt erahnen lässt, ob man uns unbeaufsichtigt zurücklassen kann, weist uns der Tempelherr die Betten 1 und 2 zu. Danach macht er sich an den Abstieg, um weitere Pilger hinauf in den gelobten Saal zu führen.

(© Martin)

Einige Zeit später sind alle Betten vergeben, einige Pilger ruhen auf ihren Matratzen, andere unterhalten sich oder packen irgendwelche Dinge aus und ein. Martin ist duschen und ich hocke untätig auf meinen Bett, als sich die zwei Schweden plötzlich anschicken, ihre Betten aus deren Urposition heraus zu verschieben, um offenbar eine Art Ehebett zu bauen. Holzbeine schrammen quietschend auf gebohnertem Holzparkett und als die Betten in der ihnen artfremden Position zusammenfinden, bewunderten das schwedische Paar ihr Werk und sahen dass es gut war. Doch die Geräusche blieben nicht unerhört, hastig eilt jemand die Treppe herauf und der Hospitalero betritt hektischen Blickes den Saal. Entsetzt stürzt er sich in Richtung der Schweden, lauthals „No!“, „Why!“, „Oh Why!“, „Why are you doing this!“ schreiend. Das nicht weniger entsetzt und dazu noch hilflos wirkende Pärchen weicht Schutz suchend hinter ihr neues Doppelbett zurück. Der verständnislose Herr über Sinn und Ordnung indes teilt die Betten und befördert sie mit einer Kraft, die ich ihm wirklich nicht zugetraut hätte, wieder zurück an die ihnen einst von höheren Mächten zugeteilten Plätze. Kopfschüttelnd und um Jahre gealtert geht er von dannen und lang noch geistert das Echo „No!“, „Why!“, „Oh Why!“, „Why are you doing this!“ durch die kristallinen Räume des Tempels und die verworrenen Denklabyrinthe seiner Bewohner.

Bei Einsetzen der Dämmerung wagen wir uns nach Draußen. Überraschenderweise fällt kein Regen. Die alte Steinbrücke führt nicht mehr über den Fluss Lima wie bei unserer Ankunft. Mit an der Reling aufgepflanzten orange glühenden Fackeln kreuzt sie einer Galeere gleich durch den blau nuancierten Malstrom des Windes, Wassers und der Sedimente. Auf der anderen Flussseite angelangt trotten wir auf der Suche nach einem Restaurant ziellos umher. Martin erleidet eine Art Schwächeanfall, was hauptsächlich auf akuten Super Bock Mangel zurückzuführen ist, aber auch die letzte feste Mahlzeit liegt schon eine Weile zurück. Auch ich schwächle und verliere stolpern ab und an meine Badelatschen, was eigentlich eine Wohltat ist, denn sie wurden nicht für blasengeplagte Füße auf längeren Stadtrundgängen konzipiert. Dann finden wir eine Bar und bestellen endlich die dringend erforderlichen Rationen. Die kleine Tochter des Inhabers dreht währenddessen die Lautstärke des Fernsehers auf ein schwer erträgliches Maß. Wir bestellen mehr Bier.

(© Martin)

Noch haben wir keine Lust in den Pilgertempel zurückzukehren und setzen uns nochmal in die Kneipe nebenan. Hämo-V sitzt am Tisch einer Frauengruppe und redet in erstarrter Körperhaltung auf eine der Damen ein. Verkrampft hält sie eine Gabel in der Rechten und ihr Blick hüpft unentschlossen zwischen Hämo-V und dem aufgespießten, erkaltenden Happen hin und her. Ich bezahle unsere Zeche und bekomme mein Trinkgeld in Form eines Schokoladenriegels erstattet. Trinkgeld ist aus irgendeinem Grund nicht erwünscht.

Die Nacht im Schlafsaal verläuft ereignislos, sieht man von einer stundenlangen Wahlkampfveranstaltung der kommunistischen Partei mit schmetternden Märschen und ausschweifende Bühnenrednern direkt vor der Herberge, den endlosen Schnarcharien der Schweden und einer herumgeisternden Gruppe von Stirnlampenträgern ab. Martin wirft sich in hohen Bögen murrend und fluchend von einer auf die andere Seite der dabei laut quietschenden Plastikmatratze. Im Halbdunkel meine ich Menschen zu erkennen, die wie ich benommen auf ihren Matratzen sitzen und sich fragen, warum das alles. Weil mir keine vernünftige Antwort einfällt, ereilt mich in einer frühen Morgenstunde doch noch ein gnädiges Wachkoma.

Wetterbericht: Nieselregen, Landregen, Starkregen, Platzregen, Überraschungs- bzw. Hinterhaltregen
Pilgerbericht: Hämo-V, Stirnlampensippe, Schweden, u.v.a.
Tagesstrecke: 24,3 km
Gesamtstrecke: 85,3 km

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Tag 4: Jaulende Hunde, jodelnde Katzen, quietschende Reifen, heulende Motoren und knarzende Plastikmatrazen bevölkern die universale Stille des nächtlichen Rates, so wie man sie nur auf dem Lande und fernab unserer achso gerühmten Zivilisation vorfindet. Universale Stille führt sie herbei, die sogenannte Pilgersomnambulanz, aus welcher man stets zu frühester Morgenstunde wohlerschöpft und mit einer frischen Portion Wahnsinn erwacht.

wasserpause

Wasserpause (© Martin)

Gegen 6:00 Uhr sind wir wieder unterwegs, wenn auch leicht benommen, und laufen gen Norden, über Feldwege, durch Eukalyptus-Wald, entlang uralter moosgrüngrauer Steinmauern, hinter denen Weinstöcke, hochstieliger Kohl und Mais gedeihen. Auf einer der Mauern steht ein in Tarnfleck gewandeter Portugiese und hält mit einer doppelläufigen Schrotflinte eine Hundertschaft Maispflanzen in Schach. Wir passieren grüßend, futtern im weiteren Verlauf Unmengen weißer Weintrauben und vernehmen dann einen in der Ferne verhallenden Schuss.

Einkehr in Café Antonio Pedra Furada, drinnen sitzen Zahnspange, rasende Püppi, der Graue und diverse Einheimische. Wir bestellen Napfkuchen, Riesensandwiches und sehr guten Kaffee. Wieder unterwegs, der Weg schlängelt sich durch dünn besiedelte Kulturlansdschaft, Felder und Wäldchen. Ein Pickup mit aufgeschnalltem Riesenmegafon folgt uns auf dem Fuße und beschallt einen ca. 100 km umfassenden Perimeter mit kommunistischen Wahlkampfparolen und einem alten portugisischen Schlager.

Barcelos_Bruecke

Brücke über den Rio Cávado

Erreichen die Stadt Barcelos über eine mittelalterliche Brücke und peilen direkt die erhabene Ruine des Palastes „Paco dos Condes“ auf der anderen Seite des Flusses Cávado an. Neben der Palastruine gibt es ein Freilichtmuseum mit alten Säulen, Grabplatten und Gemäuern. Ein guter Ort für eine Rast, ein Pfeifchen und die Geschichte vom „gebratenen Hahn“.

Der Legende nach wurde einst ein galicischer Pilger zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt und zum Tode durch Erhängen verurteilt. In einem letzten Plädoyer vor dem Richter, der gerade beim Festmahl saß, versicherte der Verurteilte: „Es ist so sicher, dass ich unschuldig bin, wie dieser Hahn krähen wird, wenn man mich hängt.“ Man erhängte den Pilger und der Hahn stand wie vorhergesagt auf und krähte. Der Pilger wurde sofort vom Strick genommen und überlebte dank einer locker gebundenen Schlinge. Er verließ die Stadt unversehrt und kehrte nach langer Zeit zurück um aus Dankbarkeit für sein Überleben der Schutzheiligen Jungfrau Maria ein Kreuz zu errichten.

Hühnchen

Wie auch immer es sich zugetragen haben mag, heute gilt jener Hahn als ein nationales Wahrzeichen in Portugal und wird vielerorts als Ton-, Holz- oder Zinnfigürchen feilgeboten aber auch als Brathahn. Nach einer ausgedehnten Pause laufen wir weiter in Barcelos‘ Stadtzentrum, erwerben Postkarten und suchen anschließend das dafür zuständige Amt. Während ich auf einer Mauer sitze und die müden Beine baumeln lasse, segnet oder verflucht eine in der Nähe sitzende alte Frau wahlweise aber lauthals Passanten, je nachdem wie viele Münzen diese in ihr Körbchen werfen. Martin wird unterdessen als Landsmann erkannt und setzt seinen Weg fortan erhabenen Hauptes als Portugiese fort.

© Martin

Parteizentrale (© Martin)

Barcelos großzügig angelegte Plätze, mittelalterliche Flussbrücken, Stadthäuser, Kirchen und Platanenalleen liegen hinter uns, wir passieren die Zentrale der Kommunistischen Partei am Librationspunkt zwischen historischer Stadtmitte und suburbanem Raum mit eher klotzigen Wohnsilos. Es geht leicht bergauf und siehe da, hier wurde ein sogar ein Fußballstadion errichtet, Heimat des Gil Vicente FC, einem portugisischen Erstligisten mit einem Brat- äh Hahn im Wappen, der Recherchen zufolge eine Zeit lang von Ordensbrüdern geführt und von einem Pfarrer namens José Maria Furtado aus einer finanziellen Krise geführt wurde.

Videira (© Martin)

Videira (© Martin)

Wir verlassen endgültig städtische Gefilde und durchwandern Hügelland, vorbei an kleinen und größeren umzäunten Grundstücken, teilweise mit Eigenheimen bebaut. An einem Zaun halten wir plötzlich inne, weil wir einen Baum mit saftigen Feigen erspäht haben, dessen längere Äste bis auf den Weg ragen. Gierig greifen wir nach den Früchten, als der Boden unter unseren Füßen rhythmisch zu schwanken beginnt. Schockwellen breiten sich ringförmig um das in unmittelbarer Nähe befindliche Epizentrum auf der anderen Seite des Zauns aus. Die Minibeben werden durch einen unfassbar beleibten Sumojungen ausgelöst, der mit Ziegenkäse und Yakmilch aufgezogenen wurde. Seinen Titanenleib abwechselnd seitlich von einem auf das andere Bein verlagernd, erzielt er durch leichtes Vorbeugen und Rotieren des Rumpfes um die Körperlängsachse einen signifikanten Geländegewinn in unsere Richtung. Uns dessen bewusst werdend, lösen wir uns aus der Schreckstarre, pflücken panisch so viele Feigen wie wir tragen können und flüchten in den Schutz des nahen Eukalyptuswaldes. In der Ferne erhebt sich Wutgeheul oder vielmehr ein kehliges Kreischen, als das ganze Ausmaß unseres Frevels erkannt ist.

© Martin

Bahngleise (© Martin)

An der einzigen Straßenkreuzung des Dörfchens Lijó unweit einer kleinen Kapelle legen wir vor der Dorfkneipe eine Super Bock Pause ein. Ausgezeichnete Gelegenheit die Füße zu entschuhen, sich in die roten, ausgeblichenen Plastikstühle zu lümmeln, das unerwartet sonnige Wetter ausschweifend zu verunglimpfen und die Entfernung bis zur nächsten Herberge zu schätzen, die wohl ca. 5 km beträgt. Die schwerste Prüfung des Tages ist der Abbruch einer nachmittäglichen Rast. Füße verkrampfen sich, Zehen bohren sich Wurzeln gleich in die ausgedorrte rötliche Erde, um nicht zurück in muffige Wanderschuhe gepresst zu werden. Nur der wundersame Hirschtalg mindert den Widerwillen auf ein erträgliches Maß.

Wir kennen die fatalen körperlichen wie moralischen Auswirkungen einer vorzeitigen Super Bock Rast und treffen die Entscheidung zu einer solchen nie leichtfertig. Oft sind Pausen das Ergebnis stundenlanger strategischer Erwägungen und seltener der spontanen Art, wie die Wasseraufnahme an römischen Zisternen, Nothalte bei anhaltenden Lachkrämpfen oder verlockenden Fotomotiven, um einige Beispiele zu nennen.

Aufstieg

Portela de Tamel

Ein letzter ungemein steiler Anstieg wird überwunden und wir erreichen die sehr neuwertig und modern eingerichtete Herberge in Portela de Tamel. Wie üblich widmet man sich nach Ankunft der Körper- und Ausrüstungspflege, humpelt umher und erkundet die Herberge oder liegt einfach nur irgendwo herum. Nach Einbruch der Dunkelheit finden wir gegenüber ein Restaurant und bestellen Vinho Verde (der nicht etwa grün ist, sondern sprudelt) nebst Füsch. Hämo-V. ist uns dicht auf den Fersen, aber wie in Rates gelingt uns auch hier eine knappe Flucht.

Portela-de-Tamel

Herberge und Kirche von Portela de Tamel (© Martin)

Nachtpipers bei der Arbeit.

Auf dem Rückweg bewundern wir das bunte Leuchtstoffröhrenkreuz auf der Kirchturmspitze und die digitalen Glockenschläge aus einer Lautsprecheranlage. Im Herbergshof ist noch Zeit für letzte Tagebucheinträge und das Beobachten einer Gruppe lokaler Wahlkampfhelfer, die sich ebenfalls hier versammeln. Dann findet ein langer Tag in die wohlverdiente Nacht.

Wetterbericht: Überwiegend bedeckt, teilweise locker bewölkt mit vereinzelten Sonnenstrahlen.
Pilgerbericht: Zahnspange, rasende Püppi, der Graue, Hämo-V., u.a.
Tagesstrecke: 25 km
Gesamtstrecke: 61 km

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Tag 3: Erst 6:30 Uhr aufgewacht und leider verschlafen, aber es ist schließlich Urlaub; geduscht, herumgelaufen und am Tisch vor dem Bungalow platziert um den gestrigen Tag im Logbuch Revue passieren lassen; 8:00 Uhr rumpelt es im Bungalow, Pilger M ist ebenfalls erwacht und zeigt sich kurz darauf am Fenster; brechen auf und laufen, Tannenzapfen vor uns her kickend über den verwaisten Campingplatz zum Hauptportal, wo wir uns ein paar Minuten, aber gefühlte Stunden gedulden müssen, bis die bereits besetzte Rezeption dann offiziell 9:00 Uhr öffnet; steuern einen Supermercado an und ergänzen Proviant (Käse, Schinken, Brot, Bananen, Trockenfrüchte und Arrufadinhas, stark gezuckerte Frühstücksbrötchen); im benachbarten Café gibt’s Milchkaffee; danach geht es richtig los; voller Elan laufen wir ca. 20m als es relativ stark zu regnen beginnt; kurzer Stop und Regenzeug angelegt; fast 10 Uhr und wir haben schon 100m zurückgelegt; auf die Verhältnisse und Tageskilometer extrapoliert, schaffen wir es heute bis an den Ortausgang Lavras.

Bungalow

O que é que se passa?

Irgendwie gelangen wir doch wieder bis zum Strand und stapfen Polarforschern gleich durch den nachgebenden Sand; allerlei Vertreter der Familie Mytilidae bzw. deren Schalen, Echinoidea-Skelette und Laminaria digitata bilden entlang des Strandes einen dichten Teppich zwischen Tidehoch- und Tiedeniedrigwasserlinie; es knackst und knirscht unter den Sohlen; ein Angler steht allein auf weiter Flur; wir finden eine Wegmarke und nähern uns einer felsigen Anhöhe, die wir bei S. Paio über nassen, glitschigen Grund erklimmen; erstarren kurz vor einem steinernen Wächter, der uns aus götzenhaften Augen anstarrt.

Felswaechter

Auf der Anhöhe erwartet uns eine kleine, an den Außenwänden mit den typischen bemalten Fließen verzierte Kapelle und ein gewisslich ergreifender Blick auf die Küste und das befelderte Hinterland im Westen; der Sturm mag die ihm trotzende Strohhutkrempe bis über die Ohren beugen und kalter Küstenregen schplatattert unablässig auf die Wanderer, doch hoch über der regenbogenschillernden Brandung erschallt plötzlich ein zweistimmiges „ALLES BESSER ALS BÜRO!!!“. Da verzagt er für einen Augenblick, der Wettterunhold.

rumoceano

Einheimischer vor der Bar Rumoceano

Schlendern durch die engen Gassen eines kleinen Piratennests, deren Einwohner sich mit wenigen Ausnahmen vor unseren Blicken verbergen; dem Geruch nach zu urteilen, leben die Einwohner vor allem vom Fischfang; bei sehr wechselhaftem Wetter legen wir alle paar 100m einen Halt ein und legen den Regenschutz an oder ab; treffen auf ein Wandererpaar aus Darmstadt, die sich der durchdringenden Nässe unter dem Blechdach einer Bushaltestelle für einen Augenblick entziehen.

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Erreichen schließlich die öffentliche Herberge in Rates und gelangen durch das Haupttor in einen schmucken Innenhof mit Museumsglasfassade; dahinter ausgestellt stehen alte Landwirtschaftsgeräte. Über eine kleine Treppe erreicht man den Eingang des Haupthauses und drinnen die vereinsamte Rezeption. Dort, auf einem Holztisch, liegen das Gästebuch und für die Entrichtung eines Obolus eine kleine Spendenkiste. Während wir uns eintragen, verwickelt uns ein Wanderer mittleren Alters aus D. in ein Gespräch und behauptet er könnte unser Vater sein. Ungeachtet der möglichen Motive und Möglichkeiten, die ihn zu einer solchen Aussage bewogen haben mögen, erkunden wir zuerst einmal nachdenklich die Schlafräume und belegen ein Doppelstockbett in einem davon. Wir teilen uns das 12-Bett-Zimmer mit jenem rätselhaften Wanderer und einem älteren walisischen Pärchen das aber in Spanien leben. Anschließend wird geduscht, Wäsche gewaschen und geruht.

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Indess nimmt das Schicksal seinen Lauf; arglos verlasse ich kurz den Schlafsaal und erfahre im hübschen Innenhof telefonierend von meiner bevorstehenden, nun auch ärztlich beglaubigten Vaterschaft. Währenddessen ereilt Martin drinnen großes Unheil, denn der rätselhafte Wanderer beschreibt ihm ungefragt und in farbenfroher Ausschmückung jedes pikante Detail seines Hämorrhoidenleidens. Als ich zurückkomme, um stolzen Fußes meine Neuigkeit zu verbreiten, bietet sich mir ein Bild des Grauens. In einer Ecke des Zimmers steht der Wanderer, einen Arm wie einen Handschlag initiierend vor sich erhoben und den Blick starr auf unser Doppelstockbett gerichtet und im selbigen liegend einen völlig paralysiert blinzelnden Martin, einen wahnwitzigen Urschrei mit letzter Kraft unterdrückend. Ich verkünde meine frohe Kunde hinein in die Stille jenes Raumes, der mir bei unserer Ankunft noch recht behaglich erschien.

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Die Aufnahme einer wohldosierten Menge Alkohols vor der Nachtruhe erscheint uns heute Abend aus verschiedenen Gründen unumgänglich. Laufen durch den Ort und finden eine modern eingerichtete Bar mit coolem Wirt, der uns Essen und Super Bock in eisgekühlten Aluminiumkelchen serviert, aber auch über die bevorstehenden Regional- und Landtagswahlen informiert. Auf mehreren großen Flachbildschirmen läuft ein Fußballspiel. Später lädt uns der Wirt zu Portwein und sogar selbstgebranntem Schnaps ein, da Martin ihm glaubhaft meine zukünftige Vaterschaft vermitteln kann. Der Wanderer hat die Bar und uns leider entdeckt, nimmt am Nachbartisch platz und wir machen uns aus dem Staub. Der Wirt schenkt mir zum Abschied eine kleine Flasche, gefüllt mit einer glasklaren, elicht zu schwenkenden Flüssigkeit. Laut Flaschenetikett handelt es sich um Birnensaft.

Auf dem Treppchen zum Haupthaus stehen mehrere angesäuselte Pilger und lauschen den Erzählungen des alten Walisers, während der Rauch unserer Abendpfeifchen über den Innenhof wirbelt und sich gleich dieses denkwürdigen Tages in Nichts auflöst.

Wetterbericht: Nieselregen, Gischtregen, Starkregen, Sprühregen, Landregen.
Pilgerbericht: Darmstädter, Waliser, Hämo-V.
Tagesstrecke: 24 km
Gesamtstrecke: 36 km

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Tag 2: Gegen 5 noch vor dem Weckerklingeln erwacht; Katzenwäsche, Rucksack packen, jeder Handgriff sitzt; 6:30 Uhr Frühstück und dann gegen 7 mit dem Shuttle wieder zum Terminal 1 gefahren; Punkt 7:15 großes Hallo mit Martin am Lufthansa-Schalter; Check-In, ein kurzer Stand-Kaffee und rein ins Flugzeug; Es folgt ein angenehmer Flug aber durch einen leichten Schnupfen misslingt meinem linken Ohr während des Landeanflugs der Druckausgleich mit der Folge einer leichten Ohnmacht; Nach der Landung ist dieses Ohr taub und Martins an mich gerichtete Worte durchdringen kaum den unsichtbaren Schleier meiner neu erworbenen Fähigkeit weniger zu hören;

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Wir verlassen das moderne Flughafengebäude Portos, orientieren uns am Stand der Sonne und nehmen Witterung auf, denn vor allem müssen wir in Richtung Atlantik laufen; Die Luft schmeckt aber gar nicht salzig und die Sonne verbirg sich hinter einem Wolkenschleier, also richten wir uns nach Martins ausgedruckter Google Maps-Karte und einem Mini-Kompass; Ich verliere meinen Strohhut, aber ein Taxifahrer folgt uns mit dem Hut, sehr anständig!; Entlang einer viel befahrenen, ich würde fast sagen einer sehr viel befahrenen Landstraße ohne Fußweg hangeln wir uns durch ein Gewerbegebiet und biegen dann rechts in einen kleinen Vorort Portos ab; der Himmel ist nach wie vor bedeckt, aber nun liegt doch ein leicht salziger, algiger Geruch in der Luft; kurze Rast vor einer blauweiß gekachelten Kirche und dann erreichen wir ein paar Minuten später die felsige, dunstige Küste auf einer neuwertigen, holzbeplankten, hohen Steinpromenade; zu den Klängen der volltönig tosenden Brandung (zumindest für 3 der anwesenden Ohren) sitzen wir uns auf der Promenade und lassen die Umgebung auf uns wirken; Martin wird plötzlich unruhig und verlangt nach Hirschtalg den er nach Herausgabe ohne Verzögerung auf seine Füße, ich zitiere: „appliziert“ (das ist bildungssprachlich für „auftragen“);

Wir befinden uns nun offiziell auf dem Caminho Portugues nach Santiago de Compostella und laufen gen Norden, den Atlantik immer zu unserer Linken und mit dem Ziel, den kleinen Ort Lavra zu erreichen, dort soll es einen Campingplatz mit Hütten geben; Mittagsrast in einer Strandbar, es gibt hier eine Art Fischpfanne mit Salat, dazu Bier der Marke „Super Bock“ und wir freuen uns über diesen überaus passenden Namen; Die Fischpfanne ist derartig fettig, das wir Schnaps bestellen müssen, der uns in Cognac-Schwenkern serviert wird, die man in doppelter Hinsicht als halbvoll erachten darf.

Fabrik

Meeresrauschen und Landschaft nehmen nun einen sanfteren Charakter an und wirken leicht verschwommen, aber wir setzen unseren Weg unbeirrt fort; es ist früher Nachmittag und uns ist alles egal; mit toxischen Alkoholdämpfen gefüllte Fettblasen rülpsend, passieren wir einen Obelisken, den wir nicht als das Wahrzeichen würdigen, das er vermutlich ist; vielmehr werden unsere Blicke immer wieder magisch von einer riesigen Chemiefabrik angezogen, die weiter im Süden direkt an der Küste errichtet wurde und deren Schlote bis in die tief hängenden Küstenwolken reichen;

Baum

Irgendwann, so gegen 5, erreichen wir doch noch den Parque de Campismo Angeiras in Lavra, mieten einen Bungalow und ich wasche gleich ein paar Sachen, die bei diesem feuchten Küstenklima nicht trocknen werden; wir entdecken ein Schwimmbad auf dem Gelände, ziehen ein paar Bahnen in der Abendsonne und beschließen den Tag bei einem Pfeifchen vor dem Bungalow; dann fällt jeder Wanderer in sein eigenes Koma.

Wetterbericht: Bedeckt bei lauwarmen Temperaturen, einmal kurz leichter Nieselregen, aber vielleicht war es auch nur Gischt.
Pilgerbericht: Eine kleine Gruppe Wanderer am Obelisken gesichtet aber wieder aus den Augen verloren.
Tagesstrecke: 12 km
Gesamtstrecke: 12 km

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Tag 1: 11:39 Uhr mit ICE in Leipzig losgefahren; leider eine Quatsch- und Tratschtante auf dem Sitz direkt hinter mir und ich denke an Volker Strübings Geschichte „Zug nach München“, in der er sich selbst als „… Kolateralschaden eines endlosen Banalitätenbombardements…“ bezeichnet; am Flughafen laufe ich von Terminal 1 zu Terminal 2 und fühle mich schon ganz wie der Wanderer, der ich in den kommenden 10 Tagen sein möchte; nach einer halben Stunde erreiche ich Terminal 2 und fühle mich irgendwie nicht wie der ausdauernde Wanderer, der ich per Selbstdefinition eigentlich bin, welch Schande; Von hier aus kann man meine Bleibe für die Nacht vor dem Abflug bereits erblicken, aber ich nehme dann doch das wartende Shuttle, da ich heute keine Lust mehr habe, eine Autobahn zu Fuß zu überqueren; Den Abend verbringe ich in einem Hotelzimmer mit Aussicht auf den Flughafen bei Sonnenuntergang und schaue „Last Samurai“ im Fernsehen. Weiter zu Tag 2

Morgenlicht dringt durch die Glasfenster der Flügeltüren meines neuen Domizils und ich erwache halbwegs erholt, wenn auch mit dem unbestimmten Gefühl, mir den Raum mit jemandem oder etwas zu teilen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es sich bei der Erinnerung an das Trappeln kleiner Füße auf braunlackierten Bodendielen um eine Traumepisode handelt. Ich werde das im Auge behalten.

Kopf gewaschen, Käsebrötchen gefrühstückt, aber leider keine Milch im Haus; Durch die Küchenwand dringen Fernsehgeräusche aus Eduardos Räumen. Auf einem der Kleiderschränke in meinem Zimmer finde ich eine schmale schwarze Umhängetasche mit einem Aufdruck der Universidad Santiago und ein paar Trekkingschuhe, die mir besser passen als meine eigenen. Sie sind erstaunlich leicht und wurden durch eine Fußform geprägt, die der meinigen gleicht. War ich vielleicht schon einmal hier? Reiseführer, Stadtplan und Fernglas passen prima in die Tasche und schon finde ich mich draußen auf der Calle Bellavista wieder.

Ich durchwandere einen Park in Richtung Stadtzentrum, der sich entlang des Rio Mapocho durch Santiago schlängelt. Das Wasser des Mapocho ist stark sedimenthaltig und führt eine gewisse Menge städtischen Unrats mit sich, der sich bisweilen an den Rändern des betonierten Flussbetts ablagert. Ich gelange zur Plaza Italia und laufe dann weiter durch die Avenida Vicuna Mackenna. Im Schatten einer riesigen Platane steht eine Banke und darauf sitzt eine häkelnde Frau um die 60, bei der ich mich nach dem Weg erkundige. Sie erklärt mir den Weg zur Plaza de Armas und empfiehlt den Kauf einer aufladbaren Magnetkarte für U-Bahn und Bus. Zweifellos hält Sie es für unvernünftig wenn nicht gar schwachsinnig, in der Mittagshitze herumzulaufen. Ihre Käsebrötchen verdient Sie als Vermieterin und besitzt ein Haus in Madrid und ein weiteren hier in Santiago, nämlich das Haus geich gegenüber der schattigen Platane. Sie fragt mich nach der Monatsmiete für mein Zimmer in der Calle Bellavista, die 400,- € beträgt und bietet mir eine kleine Wohnung in ihrem Haus für 150,- € an. Leider kann ich das Angebot nicht annehmen, einerseits aus Mangel an Geschäftstüchtigkeit, andererseits weil sich ein echter Interessent in die Unterhaltung einbringt und ich mich dankesvoll verabschiede.

Mapocho

Weiter geht es in die Barón P. De Coubertin, quer durch einen Park mit Spielplatz und und dann stehe ich an einer großen Hauptstraße, der Avenida Libertador Bernardo O’Higgins. In westlicher Richtung erhebt sich ein felsiger Hügel, der Cerro Santa Lucía, umgeben von zahlreichen Hochbauten der Neuzeit aus Stein und Glas. Auf der Kuppe erkennt man felsbegründete Türmchen und zinnenbewehrte Mäuerchen. Dichte Vegetation bedeckt die Hänge des Cerro und bildet einen ringförmigen Schutzwall gegen die flirrende, dröhnende, städtische Umgebung. Eingefasst ist dieser Smaragd von einem hohen, gußeisernen Zaun, so dass man, möchte man den Cerro erklimmen, zu einem Haupteingang begeben muss. Da angekommen, trage ich mich unter den wachsamen Blicken zweier Polizisten (oder Parkwächter?) in eine Besucherliste ein. Der Eintritt ist frei. Von den Festungsbauten auf der Kuppe hat man einen grandiosen Ausblick auf die Stadt, die sich scheinbar bis zum Horizont erstreckt. Viele Hochbauten, manche erst im Entstehen begriffen, prägen die verschiedenen Stadtteilzentren und im Hintergrund gen Osten erhebt sich majestätisch die Andenkordillere, beinahe wie eine künstliche Kulisse anmutend, schneebedeckt und durchaus als imposant zu titulieren. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich wohl vor der Zeit der Besiedelung angefühlt hätte, hier oben zu stehen, auf dem Huelén, wie ihn die Ureinwohner, die Picunche nannten. Aber inmitten der Geräuschkulisse, verursacht durch andere Aussichtssuchende aus Nordamerika, Peru und der Schweiz, will sich das Gefühl an eine Zeit vor 1540 nicht so richtig einstellen. Da die Sonne nun auch im Zenit steht und auf meinen unbehuteten Kopf herniederbretzelt, beschließe ich den Abstieg über die durch viele Menschenfüße blankgeriebene, speckig glänzende, graue Felstreppe.

Wieder unten angelangt laufe ich gen Norden Richtung Rio Mapocho und dann nach links zum Plaza de Armas, dem historischen Stadtzentrum von Santiago. Gesäumt von historischen Bauten, darunter das Stadtgeschichtliche Museum, das Historische Museum, die Hauptpost und Santiagos Kathedrale, ist letztere das auffälligste Gebäude in diesem Ensemble. Drinnen staune ich über das langgestreckte Hauptschiff und die zahlreichen Seitenaltäre, aber vor allem darüber, mich geradezu manisch in jeden Sakralbau hineinbegeben zu müssen, nur um festzustellen, dass ich ihn gleich wieder verlassen möchte.

Dann gehe ich nach Hause, aber nicht auf direktem Weg, sondern folge dem Paseo Puente nach Norden und freue mich über die Einlösung dieses Versprechens. Ich überquere den Rio Mapocho über eine alte Brücke, die gleichzeitig als Marktplatz dient. Die hektischen Rundumblicke der Händler und deren Waren lassen darauf schließen, dass dies kein offizieller Marktplatz ist. Hier gibt’s Tand, Uhren, Telefone und Handys zu außerordentlich fairen Preisen, doch dann ertönen Pfiffe und einige der Händler raffen die am Boden ausgebreiteten Decken mitsamt Auslagen zusammen und machen sich aus dem Staub. Nicht weit von der Brücke steht die voluminöse Halle des Mercado Central, in der sich Stand an Stand der legalen Händler reihen. Hier findet man Autoreifen, scharfe Soßen, Fisch, Glücksbringer, Tabak und Hemden mit unfassbaren Mustern. Ich gerate in einen Menschenstrom, der gemächlich durch die Gänge wabert, vorbei an Ständen und Restaurants, deren Inhaber Menschen aus diesem Strom fischen und in ihre Restaurants setzen um sie zu mästen. Wer anschließend bezahlt wird auch wieder in den Strom zurückgeworfen. Ich entkomme den Menschenfischern und finde mich draußen wieder, jedoch dekoriert mit Einkaufsbeuteln gefüllt mit Orangen, Äpfeln und Avocados. Verdammter Markt! Ich werde wiederkommen müssen, um rein garnichts zu kaufen.

Die Orangen erweisen sich leider als ungenießbar, sind trocken, fasrig und fad. Nur einen Augenblick plane ich meine Zukunft als erfolgreicher Orangenhändler, dessen Ware ihr Innerstes so gut zu verbergen versteht. Anschließend toaste ich Brötchenhälften, benetze sie mit Olivenöl und verstreiche Avocadofleisch wie Butter. Dieser Geschmack soll mich auf ewig an Chile erinnern.

Der Tag hätte mit einer in den Nachtschlaf übergehenden Nachmittagsruhe enden können, hätten mich nicht Eduardos „Goal, Goal, Goal“-Rufe durch die Wand aus dem Schlaf geschreckt. Ein wenig Tageszeit bleibt für einen kleinen Rundgang im Viertel, den kurzen Besuch eines Internetcafé und dann ist er doch vorbei, der zweite Tag.

Santiago Flughafen, ca. 10 Uhr morgen, nach 13-stündigem Flug (10730 km) endlich angekommen; am Tag zuvor gegen 13 Uhr von Leipzig nach Frankfurt gefahren, gegen 20 Uhr nach Madrid geflogen, in Madrid lange keine Starterlaubnis, erst 24 Uhr; in der Enge des Flugzeugs war an Schlafen nur zu denken, unten erkenne ich Lissabons Nachtgestalt, wenige Minuten später verliert sich Europas Küste in der Dunkelheit. Atlantik, Wolken, Sterne, dann, 8h später, gleite ich über die silbrig fluoreszierende Brandungslinie der brasilianischen Küste, südlich von Sao Louis; weitere kleine Lichtinseln im Binnenland.

Nacht/Tag-Grenze holt uns ein, unten erkennt man jetzt Felder und Äcker, bis zum Horizont; kein Wald, wie ich es erwartet hatte, dafür zahlreiche alte Flußläufe, die überwiegend kein Wasser mehr führen und schemenhaft durch das Rechteckmuster der Landwirtschaftsflächen mäandern. Laut Flugkarte fliegen wir über Argentinien möglicherweis auch schon Paraguay. Natürliche Flurgrenzen scheint es hier nicht mehr zu geben, es dominieren geometrische Formen. Erst bei Erreichen der Andenkordillere gehen landwirtschaftliche Flächen in karge, rot-braune Ebenen über, vereinzelt sind kleine Siedlungen erkennbar. Die ersten Andenausläufer zeigen sich als kilometerlange, parallel verlaufende Bergketten, die sich in ihrem Verlauf von einem zum anderen Längsende und von unten nach oben verjüngen, im Querprofil also eine Dreieckform bilden. Von oben wirken diese Bergrücken wie gigantische Würmer, die nebeneinanderher von Norden nach Süden kriechen. Auf diese ersten Ausläufer folgen weite und teilweise schnee(oder salz?)bedeckte Hochebenen, die von kilometerlangen Senken durchlaufen werden, als wären riesige Räder über die Ebenen gerollt. Möglicherweise handelt es sich hierbei im ehemalige unterseeische Flußtäler.

Mehr und mehr Berggipfel ziehen unter mir vorbei, bräunlich, rötlich, keine schroffen Konturen, sondern eher geschliffen, stark erodiert mit schneebedeckten Hängen. Kaum Turbulenzen, dafür gibt es hier erste Wolkenbänke und schließlich eine geschlossene Wolkendecke. Auf der chilenischen Seite der Anden geht der Flieger abrupt in den Sinkflug über, taucht in die Wolkendecke, schwenkt in südliche Richtung und fliegt nun zwischen Andenkordillere und pazifischem Ozean auf Santiago de Chile zu. Weiche Landung nach weiteren 10km. Ich bin ich da!

SantiagoChile1

Passkontrolle, Rucksack abgeholt, der Zollbeamte entwendet meine zwei leckeren spanischen Käse-Tomate-Bocadillos aufgrund der strengen Bestimmungen zum Schutz der heimischen Landwirtschaft vor Schädlingen aber vor allem, weil sie so lecker aussehen. Die Bocadillos landen zu meinem Ärger auf dem Schreibtisch des Beamten, sicherlich zur genaueren Inspektion. Dann zum „Tur Transfer“-Stand gelaufen, als „Alejandro“ erkannt und mit einem Taxiticket ausgestattet worden. Durch eine Horde privater Taxiunternehmer gekämpft, bis zum Tur-Taxi. Das bringt mich in den Stadtteil Bellavista, hält vor einem zweistöckigen Haus mit der Nummer 0547 in der Calle Bellavista, wo mich nach Klingeln und Öffnen der Tür ein Schweizerrrr empfängt, alles richtig gemacht?

Er zeigt mir das Haus und ich muss mich für eins der 4 noch leer stehenden Zimmer im Erdgeschoss entscheiden. Zwei liegen zur morgens und abends viel befahrenen Straße hin, die schließe ich sofort aus, und entscheide mich aus pragmatischen Gründen für ein kleines, innenliegendes Zimmer ohne Fenster und zwei Schränken, aber mit einem großen Stadtplan an der Wand. Nach etwas Smalltalk, einem Rundgang durchs Haus und Einweisung in die Benutzung der Gemeinschaftsküche zieht sich der Schweizer zurück. Ich verstaue meine sieben Sachen in einem der großen Schränke, dusche in dem sehr kleinen, aber sauberen Badezimmer, und genehmige mir anschießend einen Mittagsschlaf. Später wache ich auf, bin mir keiner Zeit bewusst und begebe mich auf Nahrungssuche. Draußen ist es relativ heiß, ich finde eine Bank, hebe 40.000 Pesos ab (ca. 58,-€) und kaufe in einem Laden Brötchen, Käse, Blattsalat, Tomaten, Olivenöl und Rotwein für etwa 8.000 Pesos. Wieder „zuhause“ angelangt, mache ich es mir im Hof des Hauses bequem, dort steht ein Tisch und eine Sitzbank, und lasse mir Salat, Käse und Wein schmecken. Lerne Jonas und Eduardo kennen. Jonas ist aus Hamburg und absolviert ein Praktikum in einem Reisebüro. Eduardo ist Chilene, 46 Jahre als und wohnt schon sehr lange in diesem Haus. Zu dritt schauen wir uns am Abend noch eine chilenische TV-Show an, dann ziehe ich mich zurück, schreibe diesen Tagebucheintrag und gehe wieder schlafen.

Ankunft

 

Schlecht geschlafen und sehr früh aufgewacht, nachts lärmende Amis und Spanier; bei Regen losgelaufen; kleine Kirche besichtigt, dann in falsche Richtung gelaufen, zurück und Hohlweg abwärts; Apfelsine geschält; an Häusern vorbei, Cruceiro, Gespräch über Alltag der Einheimischen, die den ganzen Tag im Auto von Bar zu Bar fahren.

Bar gesucht, aber viele geschlossen, erst in Salceda Bar geöffnet, 10 km hinter Arzúa; treffen 2 Franzosen und einen Japaner; Bar chaotisch, Kellner verkatert, einen Toast mit Öl und dazu Kaffee; Bar mit Getränkeautomat (steht auch so im „Hölli“); typisch galicische Dörfer mit Steinmauern, Hórreos, Stielkohl; weitere regenbedingte Pause in Bar (frage nach Lied von Manolo Tena; Spanier mit kleiner Tochter; Picknickplatz, Idee mit Bratwurst-Raststelle.

Pause in Lavacolla, großes Bier, Oliven; lange, breite Asphaltstraße, links Fabrikgelände, Villamayor; großes Pilgerdenkmal, Herberge Monte de Gozo; Vorort San Pedro, Pilgerdenkmal mit Päbsten, Foto auf Brücke; bis Innenstadt gelaufen und falsche Kirche für Kathedrale gehalten; stehen später vor Rückseite der Kathedrale, da weißt und Michel „Bon“ und weist uns den Weg zum Pilgerbüro, wo wir uns Zertifikat und Stempel abholen. Rückweg zur Herberge, vorher Abendessen in Kneipe (Calle San Pedro); Herberge gegen 22 Uhr erreicht und allein in 8-Bett-Zimmer, Erholung pur!

Pilgerbericht: Michel „Bon“ aus Kanada

Pilgerwetter:  | Tagesstrecke: 41km | Gesamtstrecke: 720km

7:30 Uhr aufgestanden; Frühstück in Bar, mit Toast und Kaffee; zu Bushaltestelle (No. 6), dann bis Zentralbusbahnhof gefahren um Busabfahrtszeiten zu erfragen (nach Madrid und Finesterre); zur Kathedrale gelaufen, an Pilgermesse teilgenommen, leider keine Weihrauchgondel erlebt; Uwe getroffen.

Eingekauft (Likor de Hierbas und Donuts); in Bar gegangen, lustiger Inhaber, spricht etwas deutsch und war 1966 in Dortmund, anschließend in der Schweiz, erzählt viel über Fußballspiel Deuschland-England ’66 und Uwe Seeler

Regen, Regen, Regen … zurück zur Herberge, lustige Type aus der Nähe von München und Mädchen aus Braunschweig, allein in Spanien unterwegs, von einem Psychologen aus die Reise geschickt; letztes Pfeifchen, Fußball geglotzt (Spanien-Italien 1:0); Spaghetti mit Pulpo und Mejillones gekocht; vor der Nachtruhe noch Kräuterlikörchen getrunken.

Pilgerbericht: Uwe, Münchner, Braunschweigerin

Pilgerwetter: zu Beginn vielversprechend, dann regnerisch, später windig aber trocken | Tagesstrecke: 41km | Gesamtstrecke: 720km

 

Pilgerbericht

ausgeschlafen gegen 8 Uhr morgens wieder auf den Weg gemacht; Wiesen, Weiden und Wäldchen bestimmen die Landschaft;

kommen durch ein kleines Dorf mit einem Restaurant „Die Zwei Deutsche“ (das „n“ fehlte wirklich); dann weiter entlang einer ansteigenden Asphaltstraße, durch ein Gewerbegebiet; bewundern mit andeutungsweise skeptischen Blicken (Augenlieder auf Halbmast) einen Gedenkstein mit den Namen der Mitglieder eines Händlerordens, der Stein wirkt hier verloren, beinahe deplaziert, was an allen anderen vorstellbaren Orten dieser Welt wohl auch zutreffen würde; nicht viele Meter weiter dann endlich wieder ein Pilgerdenkmal, wir mutmaßen ob Pilgerdenkmal und Ordensdenkmal im selben Jahr gebaut wurden, denn nachdem der Beton-Jahresvorrat des Dorfes anscheinend in den Bau des Ordensdenkmal gesteckt wurde, waren für die Errichtung des Pilgerdenkmal wohl nur noch ein paar Metallstangen aufzutreiben, und wer weiß aus welchem Metallzaun eines ungeliebten Nachbardorfes die des Nacht herausgesägt wurden; weiter laufen wir durch ein Schilfgebiet, ein Gebiet mit viel Schilf also, man könnte fast soweit gehen, dieses Schilfgebiet als extrem schilfig zu schildern, genau wegen jenes Schilfes, welches dieses unschuldige Gebiet unterwarf, vollkommen überwucherte und dem sich seinen Weg durch das Schilf bahnenden Pilger die langsam aufkeimende Gewissheit suggeriert, das es sich hierbei um ein Schilfgebiet handeln muss, da es doch hier, und das kann niemand abstreiten, unglaublich viel Schilf zu geben scheint (Anmerkung: Der Schreibstil des Erzählers soll dem geneigten Leser übrigens an geeigneten Textstellen die geistige Verfassung des Pilgers nach 28. Etappen nachvollziehbar vermitteln.); passieren dann eine faszinomenale Brücke in Spitzbogenarchitektur und machen vor diesem Hintergund einige Pilgerhelden-Fotos; die Brücke führt uns in ein kleines versteinertes Dorf mit kleinen Rotsteinschindelgedeckten Steinhäuschen, deren Steinkaminsimse Holzfeuergeruch verbreiten, kleinen mit Steinmauern umgebenen Gemüsegärtchen, und einigen gewichtigen auf steinernen Pfosten tronenden Horreos;

Einkehr in ein Café in Melide, hier wollen wir uns erholen und nicht mehr an Schilf denken, Martin stellt sich an die 30m lange Bar und ist nach 5-stündigem Warten einem Nervenzusammenbruch sehr nahe, das Bestell- und Bediensystem scheint absolut chaotisch, folgt aber doch einer Systematik, die wir mit unseren gut durchlüfteten Pilgerhirnen nicht begreifen, irgendwann bringt man uns doch Kaffee und Churros, wohl als wir (Vorsicht, Philosophischer Ansatz!) aufhörten, Kaffee und Churros zu begehren; wir verließen Melide und einige Raumzeit-Schritte später tat sich ein gigantischer Eukalyptuswald vor uns auf; wir begegnen einer dtsch. Familie, Vater sieht aus wie „Stumpi“, die Kinder streicheln Pferde; steiler Anstieg in den Wald;

Pause in Ribadiso, kleine Gastwirtschaft, die dtsch. Familie kommt auch herein, wir bestellen Bocadillo mit Omelett, Schinken und Bier, da war wohl auch einer leichtes Hungergefühl im Spiel; weiter nach Arzúa, vorbei an Herberge Don Quichote, gelangen in eine schmale Gasse mit Pilgerherberge, Tagesziel erreicht; Schlafsaal, versuchen zu ruhen, wir und 2 Franzosen, als zwei uns „aus Portomarín bekannte spanische Pilger!“ hereinkommen und gemeinsam mit den ruhebedürftigen Franzosen für ein lustiges Schauspiel sorgen, der alte Spanier mit nicht der Situation und Räumlichkeit angepasster Stimmlautstärke zu einem der ruhenden Franzosen: „Hola, que tál! Eh? Todo bien, eh?“, daraufhin einer der unfreiwillig der Ruhe entledigten Franzosen: „I sleep.“, was zwar nun nicht mehr ganz der Wahrheit entsprach, aber doch immerhin seinen zu erwartenden Unmut bestätigte, daraufhin der spanische Alte: „He dormido en esta cama el verano pasado“ (Letzten Sommer schlief ich in diesem Bett), daraufhin der Franzose: -nichts-, er sagte nichts, daraufhin belegte der Alte ein anderes Bett, wir hofften auf gnädige Umstände und darauf, keine Betten belegt zu haben, in welchen andere Pilger im vergangenen Sommer schliefen, welche zur Tür hereinkämen um uns dieses kundzutun, in der Hoffnung wir mögen die Betten wieder räumen, auf dass sie einen Sommer und ein Frühjahr in Folge in genau diesen Betten schlafen könnten, wir blieben verschont; dann auf Einkaufstour begeben, anschließend überfiel eine amerikanische Jugendpilgergruppe die Herberge und gab bis zum nächsten Morgen keine Ruhe mehr; kurz auch die Uwe-Gruppe begrüßt; danach in Bar Salat und Kroketten verdrückt; des Nacht abwechselnd den randalierenden Amis und den zwei redenden Spaniern gelauscht, an Letztere waren wir ja seit Portomarín bereits „gewöhnt“.

Pilgerwetter:  Regen von oben, Regen von unten, von der Seite und Nieselregen, teilweise auch Schilf- und Eukalyptus-Regen | Tagesstrecke: 24km | Gesamtstrecke: 679km