Tag 3: Erst 6:30 Uhr aufgewacht und leider verschlafen, aber es ist schließlich Urlaub; geduscht, herumgelaufen und am Tisch vor dem Bungalow platziert um den gestrigen Tag im Logbuch Revue passieren lassen; 8:00 Uhr rumpelt es im Bungalow, Pilger M ist ebenfalls erwacht und zeigt sich kurz darauf am Fenster; brechen auf und laufen, Tannenzapfen vor uns her kickend über den verwaisten Campingplatz zum Hauptportal, wo wir uns ein paar Minuten, aber gefühlte Stunden gedulden müssen, bis die bereits besetzte Rezeption dann offiziell 9:00 Uhr öffnet; steuern einen Supermercado an und ergänzen Proviant (Käse, Schinken, Brot, Bananen, Trockenfrüchte und Arrufadinhas, stark gezuckerte Frühstücksbrötchen); im benachbarten Café gibt’s Milchkaffee; danach geht es richtig los; voller Elan laufen wir ca. 20m als es relativ stark zu regnen beginnt; kurzer Stop und Regenzeug angelegt; fast 10 Uhr und wir haben schon 100m zurückgelegt; auf die Verhältnisse und Tageskilometer extrapoliert, schaffen wir es heute bis an den Ortausgang Lavras.

Bungalow

O que é que se passa?

Irgendwie gelangen wir doch wieder bis zum Strand und stapfen Polarforschern gleich durch den nachgebenden Sand; allerlei Vertreter der Familie Mytilidae bzw. deren Schalen, Echinoidea-Skelette und Laminaria digitata bilden entlang des Strandes einen dichten Teppich zwischen Tidehoch- und Tiedeniedrigwasserlinie; es knackst und knirscht unter den Sohlen; ein Angler steht allein auf weiter Flur; wir finden eine Wegmarke und nähern uns einer felsigen Anhöhe, die wir bei S. Paio über nassen, glitschigen Grund erklimmen; erstarren kurz vor einem steinernen Wächter, der uns aus götzenhaften Augen anstarrt.

Felswaechter

Auf der Anhöhe erwartet uns eine kleine, an den Außenwänden mit den typischen bemalten Fließen verzierte Kapelle und ein gewisslich ergreifender Blick auf die Küste und das befelderte Hinterland im Westen; der Sturm mag die ihm trotzende Strohhutkrempe bis über die Ohren beugen und kalter Küstenregen schplatattert unablässig auf die Wanderer, doch hoch über der regenbogenschillernden Brandung erschallt plötzlich ein zweistimmiges „ALLES BESSER ALS BÜRO!!!“. Da verzagt er für einen Augenblick, der Wettterunhold.

rumoceano

Einheimischer vor der Bar Rumoceano

Schlendern durch die engen Gassen eines kleinen Piratennests, deren Einwohner sich mit wenigen Ausnahmen vor unseren Blicken verbergen; dem Geruch nach zu urteilen, leben die Einwohner vor allem vom Fischfang; bei sehr wechselhaftem Wetter legen wir alle paar 100m einen Halt ein und legen den Regenschutz an oder ab; treffen auf ein Wandererpaar aus Darmstadt, die sich der durchdringenden Nässe unter dem Blechdach einer Bushaltestelle für einen Augenblick entziehen.

maiz

Erreichen schließlich die öffentliche Herberge in Rates und gelangen durch das Haupttor in einen schmucken Innenhof mit Museumsglasfassade; dahinter ausgestellt stehen alte Landwirtschaftsgeräte. Über eine kleine Treppe erreicht man den Eingang des Haupthauses und drinnen die vereinsamte Rezeption. Dort, auf einem Holztisch, liegen das Gästebuch und für die Entrichtung eines Obolus eine kleine Spendenkiste. Während wir uns eintragen, verwickelt uns ein Wanderer mittleren Alters aus D. in ein Gespräch und behauptet er könnte unser Vater sein. Ungeachtet der möglichen Motive und Möglichkeiten, die ihn zu einer solchen Aussage bewogen haben mögen, erkunden wir zuerst einmal nachdenklich die Schlafräume und belegen ein Doppelstockbett in einem davon. Wir teilen uns das 12-Bett-Zimmer mit jenem rätselhaften Wanderer und einem älteren walisischen Pärchen das aber in Spanien leben. Anschließend wird geduscht, Wäsche gewaschen und geruht.

dientes

Indess nimmt das Schicksal seinen Lauf; arglos verlasse ich kurz den Schlafsaal und erfahre im hübschen Innenhof telefonierend von meiner bevorstehenden, nun auch ärztlich beglaubigten Vaterschaft. Währenddessen ereilt Martin drinnen großes Unheil, denn der rätselhafte Wanderer beschreibt ihm ungefragt und in farbenfroher Ausschmückung jedes pikante Detail seines Hämorrhoidenleidens. Als ich zurückkomme, um stolzen Fußes meine Neuigkeit zu verbreiten, bietet sich mir ein Bild des Grauens. In einer Ecke des Zimmers steht der Wanderer, einen Arm wie einen Handschlag initiierend vor sich erhoben und den Blick starr auf unser Doppelstockbett gerichtet und im selbigen liegend einen völlig paralysiert blinzelnden Martin, einen wahnwitzigen Urschrei mit letzter Kraft unterdrückend. Ich verkünde meine frohe Kunde hinein in die Stille jenes Raumes, der mir bei unserer Ankunft noch recht behaglich erschien.

rates

Die Aufnahme einer wohldosierten Menge Alkohols vor der Nachtruhe erscheint uns heute Abend aus verschiedenen Gründen unumgänglich. Laufen durch den Ort und finden eine modern eingerichtete Bar mit coolem Wirt, der uns Essen und Super Bock in eisgekühlten Aluminiumkelchen serviert, aber auch über die bevorstehenden Regional- und Landtagswahlen informiert. Auf mehreren großen Flachbildschirmen läuft ein Fußballspiel. Später lädt uns der Wirt zu Portwein und sogar selbstgebranntem Schnaps ein, da Martin ihm glaubhaft meine zukünftige Vaterschaft vermitteln kann. Der Wanderer hat die Bar und uns leider entdeckt, nimmt am Nachbartisch platz und wir machen uns aus dem Staub. Der Wirt schenkt mir zum Abschied eine kleine Flasche, gefüllt mit einer glasklaren, elicht zu schwenkenden Flüssigkeit. Laut Flaschenetikett handelt es sich um Birnensaft.

Auf dem Treppchen zum Haupthaus stehen mehrere angesäuselte Pilger und lauschen den Erzählungen des alten Walisers, während der Rauch unserer Abendpfeifchen über den Innenhof wirbelt und sich gleich dieses denkwürdigen Tages in Nichts auflöst.

Wetterbericht: Nieselregen, Gischtregen, Starkregen, Sprühregen, Landregen.
Pilgerbericht: Darmstädter, Waliser, Hämo-V.
Tagesstrecke: 24 km
Gesamtstrecke: 36 km

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One Thought on “Caminho Portugues von Lavra nach Rates

  1. peregrino Martinhão on 3. Februar 2014 at 14:31 said:

    Von den wirklich denkwürdigen Momenten gibt es im Laufe eines Lebens einige wenige. Wie Hämo-Volker dort vor mir steht und mich mit seinem stieren Blick durch die stilwidrige Designerbrille förmlich seziert, zeitgleich lähmend den Arm erhoben wie ein kraftloser Tattergreis – schon die bloße Erinnerung lässt mich marklos und dünnblütig zurück. Fixiert wie auf einer Folterpritsche muss ich seine sich wie Kaugummi hinziehenden Berichte von blutigen Flecken im Schritt, Myriaden von Fliegen die im folgen wie Aas … nein, mehr vermag ich an dieser Stelle nicht zu berichten! Verstört wie ein Hase nach einer schier endlosen Hatz liege ich paralysiert in meiner dunklen Bettecke, als Pilger Alex endlich (!) zu meiner Rettung den Raum betritt. Bestimmt wird er den hämorrhoidengeplagten Sonderling gleich mit seinem Pilgerstab vertreiben. Doch anstatt derbe Hiebe zu verteilen und sich schützend vor seinen Pilgerkumpanen zu werfen entweicht seinem Mund ein einziger Satz: „Ach übrigens, ich werde Vater“.
    Von den wirklich denkwürdigen Momenten gibt es im Laufe eines Lebens einige wenige. Und das ist wohl auch gut so!

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