Tag 8: Im Zwischendeck ist es zappenduster als Geräusche unbestimmbarer Herkunft meinem Tiefschlaf ein abruptes Ende bereiten. Etwas schleift über den trockenen Betonboden, es knistert und raschelt. Im benachbarten Maschinenraum dagegen ist es still. Wir scheinen gestoppt zu haben und rollen in leichter Dünung auf und ab. Die Eisentür zur Straße wird knarzend einen Spalt geöffnet und für einen kurzen Moment zeichnen sich diffuse Konturen im frühen Dämmerlicht ab. Jemand oder etwas huscht durch den Türspalt ins Freie. Noch bevor mein benommener Geist die grau invertierten Schemen zu interpretieren in der Lage ist, drifte ich zurück in ferne Traumlande.

Erwachen. Staubpartikel wabern schwerelos in Strahlen des durch Ritzen im Türrahmen dringenden Tageslichts. Mit morgenrauhen Kehlen fluchen wir uns aus den Schlafsäcken und geben lautstark die vordringlichsten Körperbefindlichkeitsparameter zum besten. Die am gestrigen Abend im Maschinenraum verteilte Pilgerwäsche ist getrocknet. Wir sammeln alles ein und verfügen uns mit Sack und Pack vor die Tür. Das ungewohnt trockene Wetter enttäuscht auf Anhieb. Bis auf uns sind keine Pilgermenschen zu erblicken. Die Herberge scheint verwaist. Es muss tatsächlich schon recht spät sein. In der Bar des Herbergsbetreibers gegenüber gibt es Kaffee und das obligatorische spanische Frühstückgebäck.

Gestiefelt und gespornt gehen wir die nächste Etappe an. Das etwa 28 km entfernte Pontevedra, übersetzt „Alte Brücke“, soll unser heutiges Tagesziel sein. Nach nur wenigen Schritten werden wir für das miserable Wetter entschädigt. Die Straße meandert nicht, nein sie führt in schnörkelloser Geradlinigkeit und gefühltem 45°-Winkel einen eukalyptusbewachsenen Hügel hinauf. Mag das Wetter uns Pilgern auch den Stinkefinger zeigen, allein die ausgefuchste Topologie lässt uns nicht im Stich. Nur widerwillig verrichten die Beinmuskeln ihren Dienst, es kneift, zieht und zwackt. Auf halber Anhöhe durchstreifen wir eine kleine Siedlung. Die Asphaltstraße unter unseren dicken Sohlen wurde von Einheimischen mit zahlreichen Kreidesymbolen und Schriften der eher ruchbaren Art verziert. Die Symbolik dient unverkennbar der Visualisierung geschlechterspezifischer Merkmale der menschlichen Anatomie. Gepaart, oder sagen wir besser in Verbindung mit den dazugehörigen Schriften schließen wir bei den primitiven Fresken auf detaillierte Darstellungen der lokal üblichen Hochzeits-, Fruchtbarkeits- und Fortpflanzungsrituale. Die Verzierungen enden vor der Gartenpforte eines großzügig bebauten Grundstücks. Menschen oder anderen Wesen begegnen wir in dieser Siedlung nicht.

Landschaft der Provinz Pontevedra

Landschaft der Provinz Pontevedra

Wir erreichen den Scheitel der Anhöhe und es eröffnet sich eine ergreifende Aussicht auf ein langgestrecktes Tal. Kleine Dörfer, Kohlfelder, Obstbaumhaine, Weinstöcke, lehmige Karrenwege und schmale Asphaltsträßchen prägen diese ururalte Kulturlandschaft soweit das Auge fliegt. In der Ferne verdichten sich die verstreuten Ansiedlungen zu einer Stadt. Nach einem steilen Abstieg und wenigen Kilometern Wegstrecke gelangen wir nach Redondela und laufen durch das historische Stadtzentrum mit seiner turbulenten Einkaufs- und Kneipenmeile. Der andere Pilgeronkel lenkt meine Aufmerksamkeit plötzlich auf ein Eckladengeschäft. Dort werden allem Anschein nach fabrikneue T-Shirts wohlfeil geboten. Während ich darüber nachsinne, was an einem solchen Geschäft so bemerkenswert sein soll, schließlich trage ich ein T-Shirt, und kein so übles wie ich anmerken möchte, verrichtet es doch seit vielen Jahren treu seinen Dienst, begebe ich mich in den Laden und drehe unschlüssig an den verchromten Kleider-Karussells. Wenigstens das Drehen der Kleiderständer sorgt für willkommene Abwechslung. Die oben auf dem Rund angebrachten leuchtend gelben, grünen und roten S, M und L-Schildchen ziehen wieder und wieder an mir vorbei. Die Preise rangieren zwischen 8 und 15 € und mir kommen ob dieser durchscheinenden Gewebe doch gewisse Zweifel an der Wertigkeit. Diese T-Shirts halten sicher keine 30 Jahre durch. Da wird mir auf einmal bewusst wie still es im Laden ist. Sis is väry stränge. Wimmelte es nicht gerade noch so vor Kundschaft? Auch die Verkäufer sind wie vom Erdboden verschluckt. Noch eine psychedelische Runde auf dem Kleiderkarussell, dann gehe ich erleichtert wieder hinaus.

An einem Viadukt halten wir kurz inne und vergewissern uns gegenseitig, dass es sich bei diesem beeindruckenden Bauwerk um ein Viadukt handelt. Ein Viadukt ist ein Viadukt ist ein Viadukt. Viadukt. Am Ortsausgang lassen wir die öffentliche Herberge links liegen. Aus den Fenstern hängen auch hier die obligatorischen Handtücher, wie Flaggen am Nationalfeiertag. Einige Pilger recken sich weit aus den Fenstern, winken und rufen nach uns. Es ist noch früh am Nachmittag und ein Einkehren kommt überhaupt nicht in Frage.

Ein Viadukt ist ein Viadukt ist ein Viadukt

Ein Viadukt ist ein Viadukt ist ein Viadukt

Unser Weg führt über den Rücken einer bewaldeten Hügelkette. Wo sich der Wald im Westen lichtet, schaut man auf die Meeresbucht Ria de Vigo. Der Fjord verjüngt sich zunehmend und seine gründigen schwarzen Wasser vermischen sich schließlich bei Ponte Sampaio mit denen des hier einmündenden Rio Verdugo. Wir überqueren den Fluss auf einer romanischen Steinbrücke und folgen weiter den Pilgermuschelzeichen durch die verwinkelten und mitunter recht steilen Gassen des Dörfchens. Beinahe alles hier wurde aus grauem Feldstein errichtet, befestigt oder gepflastert. Auch die schon auf anderen Wanderungen bestaunten Horreos gibt es hier. Doch offenbar keine Menschen oder dessen domestizierte Evolutionsgefährten, die sich üblicherweise in Menschennähe aufzuhalten pflegen. Nach einer weiteren Abzweigung nimmt das Gässchen einen geraden, ebenen Verlauf und ich erblicke überrascht und gleichsam hoch erfreut ein putziges schwarzes Hündchen. Es liegt dösig mitten auf der Pflastersttraße und hebt ein wenig sein Köpfchen. Es scheint mich nicht gesehen, dafür aber doch etwas ungeheuer interessantes gewittert zu haben. Der Abstand zwischen uns schmilzt auf wenige Meter, als es sich aufsetzt und zitternd mit hoch in den Himmel gereckten Nüstern und blinzelnden Äuglein in meine Richtung schnuppert. Wie vermag man die innere Geisteshaltung eines durch tagelange körperliche und seelische Entbehrungen gezeichneten Pilgers in Worte zu fassen und wer mag es ihm verdenken, sich an des kleinen Hündchens geballter Lebensfreude, die er hervorzukraulen gedenkt, nach Herzenslust zu laben. In euphorischer Grundstimmung nähere ich mich schnellen Schrittes mit Rückenwind. Da jault es winselnd auf und sucht wie ein geölter Blitz in entgegengesetzter Richtung zu entkommen. Ohne sich einmal nach mir umzusehen sprintet es durch die Gasse hinfort, schlägt Haken, rast einen steilen Hang hinauf und ward nie mehr gesehen. Mein Companion versucht sich zugleich an der gewagten These, es gebe eine kausale Beziehung zwischen dem seltenen Odeur meines schwammartigen Lieblings-T-Shirts und dem äußerst empfindlichen Geruchsorgan des gelittenen Vierbeiners. Soviel jedenfalls meine ich den zwischen mehreren Gelächtersalven atemlos hervorgebrachten Ausführungen entnehmen zu können.

Die schwarzen Wasser von Ponte Sampaio

Die schwarzen Wasser von Ponte Sampaio

Wenig später liegt eine weitere Anhöhe vor uns. Bevor es bergauf geht überqueren wir einen seichten klaren Bach auf einer rostbraunen Stahlträgerbrücke, die auf altertümlich wirkenden Steinfundamenten ruht. Der rötliche Sandsteingrund auf der anderen Seite weist an einigen Stellen tiefe und breite Furchen auf. Glaubt man dem am Wegesrand aufgepflockten Schild, stammen die alten Brückenpfeiler und Ochsenkarrenfurchen ebenfalls aus der Römerzeit. Schwungvoll und leichtfüßig, Bergziegen gleich, steigen wir bergan, überholen unterwegs eine Gruppe Schwedinnen und kurz darauf zwei Schweizer Wandersleute. Einer der beiden ist reich an Jahresringen und wir zollen seiner Laufleistung ein gehörig Maß Respekt. Mögen auch wir die Zeiten unbeschadet überdauern, um eines Tages ähnliche Großleistungen zu vollbringen.

Auf der Überholspur

Auf der Überholspur

Die verbliebenen mageren Kilometer nach Pontevedra legen wir auf asphaltierten Wegen oder Betonsträßchen zurück. Über O Pobo, O Casal do Rio, Lusquinos und O Marco gelangen wir zur öffentliche Herberge am südlichen Ortsrand der Stadt Pontevedra. Der Schnarchkomplex ist durchaus von anderem Kalliber als unser Kellerverlies der letzten Nacht. Allein der großzügig dimensionierte Busparkplatz vor dem Hauptgebäude lässt erahnen, dass man an diesem Ort keine Einsamkeit fürchten muss. Duch das gläserne Eingangsportal gehen wir in die Empfangshalle und direkt zur Rezeption. Während der Anmeldeprozedur bringen wir in Erfahrung, dass es sogar zwei funktionstüchtige Waschmaschinen gibt. Wir werden einem Schlafsaal mit etwa 8 Doppelstockbetten zugewiesen. Hier tummeln sich bereits die Schlagerpüppis, der Münchner, Jasmin und ein Grüppchen spanischer Hausfrauen. Die Schlagerpüppis tragen oder treffender, rollen gigantische Wäschebündel zur Tür hinaus und begraben darunter unsere letzte Hoffnung auf tiefengereinigte Unterbuxen oder gar geruchsneutrale T-Shirts. Beide Waschmaschinen werden bis an der Zeiten Ende belegt sein, oder so lange bis die mit Püppitextil vollgestopften Edelstahltrommeln ihre zermalmten, gepeinigten Lager sprengen, scheppernd durch Empfangshalle, über den Busparkplatz und durch Pontevedras historisches Zentrum rumpeln, in den Rio Lérez platschen um dort leise schmatzend im grauen Uferschlick zu versinken. Es bleibt also nur die Handwäsche an einem der braunmamorierten Steinbecken mit der zur Neige gehenden Tubenreiseseife. Da folgerichtig auch alle Trockner belegt sind, hänge ich mein gestreiftes Lieblings-T-Shirt auf eine Wäscheleine ins Freie. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die eingewirkten Reiseseifenährstoffe werden den Fortbestand der im T-Shirt evolutionierenden Mikrohochkulturen sichern helfen. Manchmal hängt das Überleben von einer belegten Waschmaschine ab.

Hungrig verlassen wir gegen 19 Uhr wir die Herberge um in Pontevedras Innenstadt etwas nahrhaftes aufzutreiben.. Nicht weit von uns steht ein Turi-Info-Hüttchen. Da es selten schadet sich zu informieren, und sei es nur um den kürzesten Weg ins nächstgelege Restaurant mit einigermaßen vernünftigen Preisen zu erfahren, verfügen wir uns hin und hinein. Im Inneren des Habitats ist es heiß und trocken, ein Atomheizlüfter läuft auf ca. 350 Prozent der mit Sicherheit und Ordnung eben noch zu vereinbarenden Nennleistung. Eine Kernschmelze scheint nicht ausgeschlossen. Mit der freundlichen Infokraft unternehmen wir sogleich eine ausschweifende virtuelle Zeigefingerundfahrt auf der vor ihr liegenden Stadtkarte. Schwungvoll gekritzelte Belagerungsringe aus blauer Kugelschreibertinte markieren die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die ebenso wenig Chancen zur Flucht zu haben scheinen wie wir. Die hilfsbereite Dame redet schnell und geizt keinesfalls mit historischen Fakten. Indes mindert der Atomspalter den Wassergehalt meiner Körperzellen um mindestens die Hälfte und glaube zu schrumpfen. Nachdem wir uns irgendwie losreißen können ist immerhin eines gewiss. In Pontevedras Zentrum geht es da entlang.

Nebulöses Pontevedra

Nebulöses Pontevedra

Irgendwo am Rande der riesigen Plaza Ferrería setzen wir uns mit knurrenden Mägen und einer dementsprechend wölfischen Gemütslage in den Freisitz eines Restaurants. Der Kellner entdeckt uns geraume Zeit später wohl eher durch einen (un)glücklichen Zufall und wir bestellen sogleich Pimentos de Padrón, Empenada, Mejillones, Percebes, Queixo con Membrillo, Polbo á Feira, Vieiras, Lacón und eine große Portion Neunaugen. Für das Hauptgericht und den Nachtisch würden wir uns später entscheiden. Der Kellner scheint zutiefst verwirrt und teilt mit, dass es vor 21 Uhr kein Abendessen geben würde, weder in diesem noch einem anderen Restaurant der Innenstadt. Wir bestellen Orangensaft und erbetteln eine kleine Brotbeilage. Anschließend laufen wir etwas unschlüssig umher und erspähen dabei ein hoch aufgehängtes Protestbanner mit der Aufschrift „Gegen den Bau eines innerstädtischen Krematoriums!“. Ergänzt werden sollte diese sehr nachvollziehbare Forderung mit „Abendessen für Pilger ab 19.00 Uhr!“. Wir treten den Rückweg an und stellen freudig überrascht fest, dass gleich gegenüber der Herberge zwei Bars geöffnet haben. Linkerhand werden allerlei ethanolhaltige Flüssigkeiten serviert und rechts dem Geruch nach eher fetthaltige Molekularverbindungen. Ein durstig anmutendes Pilgergrüppchen aus unserem Schlafsaal wechselt gerade von rechts nach links und Martin hofft wohl insgeheim, es mögen keine dänischen Wallküren unter ihnen sein.

Den Rest des Abends verlungern wir in der Herberge oder ihrem Rundherumbereich. Ich hocke stundenlang auf einer Bank vor dem Haupteingang und lausche hin und wieder den Berichten der sich hier aufhaltenden Reisenden. Gelegentlich stecke ich Münzen in den Getränkeautomaten im Foyer, im Tausch gegen eine der seltsam-leckeren Dosen Fruchtsaftkonzentrat. Dabei treffe ich überraschend oft den anderen Wanderkumpel, der augenscheinlich ebensogroßen Gefallen an den Saftdosen findet. Wir öffnen volle Dosen an den Leeren und die Zeit verfliegt. Da draußen im gelblichen Schein der Straßenlaternen gehen Fledermäuse auf ihre geräuschlose Jagd. Im Foyer versammeln sich indes einige Pilger zum späten Gottesdienst und wir ziehen uns in den Schlafsaal zurück. Nach und nach kehrt Ruhe ein. Der friedliche Gottesdienst endet und lautes Geplapper hallt durch Hallen, Flure und Türen. Bedrohlich knurrend springt eine der Schlagerpüppis aus dem Bett, reißt die Tür fast aus den Angeln und verschwindet mit zwei, drei langen Sätzen aufgebraucht und wetternd im Getümmel. Der Rest ist Schnarchen.

Wetterbericht: Ausgesprochen wenig bis gar kein Niederschlag, dicht bewölkt.
Pilgerbericht: Schwedinnen, Schweizer, Schlagerpüppis, der Münchner, Jasmin, spanische Hausfrauen, u.v.m.
Tagesstrecke: 28
Gesamtstrecke: 171 km

5 Thoughts on “Caminho Portugues von Mos nach Pontevedra

  1. „Etwas schleift über den trockenen Betonboden“ … na toll, jetzt trau ich mich nicht weiterlesen

    jolgorio! Vamos adelante!

  2. Herr Kollege, man möchte sogar sagen, drei Jahre des langen Harrens, Wartens und Scharrens, waren nicht zuviel, um nun diesen von fulminosen Höhepunkten sowie Kleinstlebewesen wimmelnden Report zu erlesen!

    • Alex Alex on 17. Oktober 2016 at 8:00 said:

      Ja, und dennoch war die Erinnerung so taufrisch als wäre die Expedition erst gestern gewesen. Der Wahrheitsgehalt des Berichts liegt also irgendwo zwischen 150 und 180 Prozent.

  3. Herr Kollege,

    ich denke die treue Leserschaft wäre nun ausreichend wartemürbe für Tag Neun!

    Was meinen Sie?

  4. Und wird es eigentlich auch eine Berichtreihe über die Tropenhäuser geben? Ich hoffe es doch sehr!

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