Tag 6: Es ist 6 Uhr 30 min. Das Deckenlicht wird angeknipst. Seit ungefähr einer Stunde rumoren Frühpilger im Halbdunkel umher und sehen sich nun erst recht legitimiert, so richtig auf die Pauke zu hauen. Martin brummelt ein paar undeutliche, aber ganz klar kritische Laute, dann vollzieht er eine 180°-Luftrolle um die Vertikalachse, dass es nur so knarzt. Ein echtes Kunststück, wenn man in einem Schlafsack steckt.

Ein eigentlich tadelloser Morgen, würde man den bislang ausbleibenden Regen nicht in unsere Glücksquantifizierung einbeziehen. In weiser Voraussicht habe ich gestern Abend einen erklecklichen Vorrat halb-feuchter, müffender Wäsche im Trockenraum konserviert, die Qualität des TROCKENraums durchaus korrekt einschätzend. Auch um neue Blasen werde ich mich nicht mehr sorgen müssen, denn die offenbar zellulosehaltigen Sohlen meiner Wanderschuhe sind irreversibel aufgequollen. Die durch hunderttausend Schritte liebevoll geformten Ebenbildprofile meiner Fußsohlen sind nicht mehr. Sicher waren Elbow einst pilgern als sie dichteten: „the way the day begins decides the shape of everything“.

zeitzeit

Spät finden wir zurück auf den Caminho Portugues und lassen sogar das benachbarte Café-Domizil rechts liegen. Schließlich sind wir keine Leichtpilger. Ponte de Lima verliert zunehmend an Besiedelungsdichte und schon sind wir wieder auf ländlichen Wegen unterwegs. Ein „nicht entschärfter“ Hohlweg durch Weinlaubvegetation vertreibt die letzten Spuren morgendlicher Benommenheit. Unterbewusst haben wir uns wohl für die Alternative zur Rad- und Schlechtwetterwegvariante entschieden. Als die ersten schweren Tropfen in die uns umgebenden Wasserlachen platschen begrüßen wir das schöne Wetter mit ungebändigten Jauchzern der Freude. Endlich, der erhoffte Starkregen setzt ein. Martin sammelt das herabströmende Wasser in seiner Rucksackregenhülle, um den Nasse-Unterbuxen-Effekt bestmöglich zu intensivieren.

Regenspiegel

Nach etwa 8 km gelangen wir Über die kleinen Ortschaften Arcozelo und Devesa nach Codecal wo wir eine kleine Rast einlegen. Es gibt hier einen kleinen Laden und wir erstehen Bocadillos und Orangensaft. Vor dem Laden sitzen wir in Plastikstühlen und lauschen dem Geplapper einer ebenfalls rastenden Pilgergruppe. Es hat aufgehört zu regnen … wie unpassend. Glücklicherweise passieren wir 2 km weiter den Brunnen Fonte das Três Bicas und ich kann mein stinkendes, dabei aber beinahe getrocknetes T-Shirt wieder einweichen. Martin versucht Herr eines Lachkrampfes zu werden, ohne Erfolg. Möglicherweise wirken die sich kontinuierlich bildenden organischen Verbindungen meines desintegrierenden T-Shirts toxisch.

Der Weg führt weiter durch Eukalyptuswald und erklimmt nun eine beachtliche Anhöhe. An einigen Stellen scheint sich der Weg in einen kleinen Gebirgsbach zu verwandeln, was meiner Fußausrüstung nichts mehr anhaben kann. Auf einmal versperrt uns ein umgeknickter Eukalyptusbaum den Weg und ich beschließe, diesen Baum fortan als Wanderstab zu nutzen. Mithilfe Martins McGyver-Messers gelingt es in wenigen Minuten, den Baum auf ein handliches Maß zurechtzustutzen. Wir setzen die Wanderung fort und ich schwinge mich neu bestabt über Fels und Pfütz.

Cruz

Wir erreichen endlich die etwa 400m hohe Hügelkuppe „Portela Grande“ und passieren eine mit allerlei Devotionalien geschmückte Geröllhalde, die einem mit Wimpeln, Stofffetzen, Fotos, Kettchen und Steinen verzierten Betonkreuz rätselhaften Angedenkens als Fundament dient. Auf einer Kupferplakette lesen wir: „Remember Michelle Kleist. She loved the Pilgrim Walk and hoped to complete many more before being tragically killed in a plane crash at Moree, Australia on 30 March 2011. Greatly loved and greatly missed.“ Betroffen halten wir inne und lauschen den Stimmen und Stimmchen des Waldregens. Erst spätere Recherchen ergeben, dass es sich bei dem Kreuz um das Cruz dos Franceses handelt. Hier gerieten Napoleons Truppen während der Besatzungszeit einst in einen Hinterhalt. Wir dagegen hatten nochmal Glück und konnten unseren Weg unbehelligt fortsetzen.

Nach ein paar hundert Metern erreicht der Weg eine große Waldeslichtung und folgt dem steil abfallenden Hügelrücken in ein wolkenverhangenes Tal. Wir steigen ab und finden zu unserer großen Überraschung eine Einkehrmöglichkeit gleich am Eingang eines kleinen Dörfchens. Der teilweise überdachte Hof eines üppigen bäuerlichen Anwesens wurde mit Stühlen und Tischen möbliert, die Einfahrt mit einer Imbissbude ausgestattet. Wie üblich bei solch herrlichem Wetter werden nasse Sachen abgelegt und zum trocknen aufgehängt. Ich frage den stolzen Besitzer des Anwesens nach der Toilette und erhalte sogar den Haustürschlüssel. Ich solle einfach hineingehen, die Toilette wäre dann linkerhand. Ich gehe ins Haus und staune über das geräumige Eingangsportal und die dahinterliegend Halle mit Freitreppe. Die Toilette ist fürstlich ausgestattet und dient dem kurzen Auftritt eines nassen Klumpatschs als illustre Bühne. Flokati, Plüsch und Badeutensilien zurücklassend begebe ich mich wieder in den Hof, lobe den Besitzer für das eindrucksvolle Haus und bestelle Frühstück. Er nimmt die Bestellung entgegen und fragt wörtlich „Die Häuser in Galicien sind größer als in Deutschland, stimmts?“. Ein Schalk er sei oder auch nicht, wir bejahen nachdrücklichlichst. Daraufhin schlendert er grinsend und vielleicht in seiner Annahme bestätigt zurück zur Imbissbude.

Abstieg

Auf auf schmalen Pfaden, Sträßchen und Hohlwegen wandern wir über Cabanas, Águalonga und S. Roque bis nach Rubiaes und es liegen etwa 17 km hinter uns. Als wir an der öffentlichen Herberge vorbeikommen, handele ich einen kurzen Zwischenhalt aus. Tief beeindruckt von der jüngst beschriebenen Flokati-Toilette blieben leider auch gewichtige Dinge unerledigt und schnelles Handeln ist nun erforderlich. Die Tür der Herberge ist unabgeschlossen und schnell sind die vor Sauberkeit blitzenden Sanitäranlagen lokalisiert. Dennoch seltsam, diese gut eingerichtete und nicht gerade kleine Herberge völlig verlassen vorzufinden. Auf dem Weg zum Ausgang hallen meine Schritte auf schier unheimliche Weise durch die verwaisten Gänge und ich beeile mich, ins Frei zu gelangen.

Nach weiteren 16 Kilometern erreichen wir unser Tagesziel Valença. Wir unterqueren eine Eisenbahnbrücke, laufen über einen großen brachliegenden Platz und bewältigen einen nicht unerklecklichen Anstieg durch eine Plattenbausiedlung. Die Herberge liegt inmitten eines zumindest im Augenblick wenigbefahrenen Kreisverkehrs. Die Ausstattung wirkt ganz annehmbar und so lassen wir uns nach der üblichen Registrierung von einer Hospitalera durch das Haus und in den Schlafsaal führen. Rasende Püppi ist wie immer schon da, ebenso die Schlagerschwestern und einige uns noch unbekannte Pilger. Wir hängen unsere nasse Sachen zum trocknen auf, natürlich nur zum Schein, gehen duschen und hängen knüllig in unseren Doppelstockbetten ab.

Da sich wenig später Herr Hunger meldet hilft alles nichts, wir müssen Nahrung beschaffen. Martin ist mit der lokalen Geographie aufgrund eines früheren Aufenthalts mit einer Gruppe Hobbitsens bestens vertraut und weist sicher den Weg in die historische Innenstadt. Umgeben von hohen Festungsmauern ist diese natürlich am höchsten Punkt der Stadt verortet. Hier gibt es nicht wenige Restaurants, doch keines will mir recht zusagen. Ein äußerst beredsamer Kellner verliest uns 10 Minuten lang die Speisekarte seines Restaurant und mir wird schlagartig mein derzeitiger Erschöpfungszustand bewusst. Wir flüchten, können den Kellner mit knapper Not abschütteln und landen schließlich in der Veteranenkneipe einer portugisischen Falllschirmjägereinheit. Dort bestellen wir erstmal Fisch, Wein und Schnaps. Die holzgetäfelten Wände des Gastraums sind flächendeckend mit allerlei Fähnchen, Wimpeln, Orden, Trophäen und gerahmten Fotographien geschmückt. Auf letzteren sind diverse Flugzeuge, Generäle und portugisische Fallschirmjäger im Manöver abgelichtet. An der Bar tuscheln ein paar ältere Herren mit Baretten auf den Köpfen, schwelgen sicher in Erinnerungen an das ein oder andere glorreiche Manöver. Am Nachbartisch sitzen beleibte Damen und essen Kuchen.

Tunnelgeist

Wir zahlen und begeben uns auf den Heimweg. Die nun leeren Gassen, alten Gemäuer und Pflastersträßchen sind zu dieser nächtlichen Stunde in gelblich-trübes Licht getaucht. Hier und da lungern wir noch etwas herum, erhaschen ein paar Schnappschüsse umherirrender Tunnelgeister, bevor wir uns in die trügerische Stille des Schlafsaals zurückziehen.

Ampel

 

Wetterbericht: Bis zum Nachmittag erfreulich regnerisch und stellenweise windig, gen Abend hin dagegen leider etwas zu trocken.
Pilgerbericht: wenige bekannte und neue Gesichter in Valença
Tagesstrecke: 33 km
Gesamtstrecke: 118,3 km

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4 Thoughts on “Caminho Portugues von Ponte de Lima nach Valença

  1. peregrino Martinhão on 18. Juli 2014 at 11:37 said:

    Es wurmt mich immer noch, dass ich den blitzeblanken Herbergslokus nicht zum ausgiebigen Picken getestet habe. Quasi ein schwarzer Fleck auf meiner inneren Landkarte.
    Ich möchte auch auf die brasilianischen Mitpilgerinnen hinweisen, die uns die Nacht zum Tage werden ließen. Aber wahrscheinlich kommt das bei Tag 7?

    • Alex Alex on 18. Juli 2014 at 12:43 said:

      Das wird bei Tag 7 thematisiert werden. Hast Du übrigens lange genug das Ampel-Foto beobachtet?

      • peregrino Martinhão on 18. Juli 2014 at 13:03 said:

        ich habe so lange darauf gestarrt, bis ich mich noch betrunkener gefühlt habe als an jenem Abend in der Fallschirmspringerkneipe. Wahnsinn!

  2. fabuloso! jeder tag wie in stein gemeißelt für die ewigkeit.

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