Tag 5: Donnerschall rollt durch die umliegenden Täler und stroboskopische Lichtblitze erhellen die rabenschwarze Nacht. An Bettpfosten und -streben trocknende Socken, Handtücher, Taschen, Hemden und T-Shirts verwandeln sich mit jeder Funkenentladung im Strom der durchs offene Fenster dringenden Windböen in geisterhafte Puppenspieler, deren Schattenfiguren auf der Leinwand der weiß getünchten Schlafsaalwände grausam schöne Geschichten nachstellen. Draußen senkt sich ein mächtiger Regenvorhang rauschend herab und mit ihm die treue Gefolgschaft unzähliger fließender, triefender, tropfender, glucksender, träufelnder, blitschernder Wasserwesen, deren flüsternde Stimmen den Schattenfiguren an der Wand zu gehören scheinen. Jemand steht auf, schließt das Fenster und verschmilzt nach kurzem Innehalten und einem langgezogenen Seufzer wieder mit den schemenhaften Konturen eines der Doppelstockbetten. Hoffend, die Wetterunbilden mögen sich diese Nacht kräftig verausgaben und uns morgen nicht behelligen, gleite ich in tiefen Schlaf.

7 Uhr, Hämo-V und die Anderen sind schon längst auf den Beinen und stopfen entschlossen Siebensachen in Rucksäcke. Irgendwo knistern und knatastern böse Menschen laut mir Plastiktüten, oder lassen sich böse Plastiktüten von Haspel-fingrigen Menschen knistern und knatastern. Martin ächzt in der unteren Bettetage und zeigt sich wohl uneinverstanden mit der allgemeinen Aufbruchstimmung. Liegenbleiben hat keinen Sinn mehr, wir kraxeln schließlich doch aus den Betten und begeben uns wenig später mit gepackten Sachen und blankgeputzten Gebissen hinab ins Erdgeschoss. Schnell ziehen wir zwei Becher Kaffee an einem der in Pilgerherbergen sehr seltenen Münzautomaten und Martin spendiert Müsliriegel. Wir wollen nun endlich los, doch das Hauptportal ist verschlossen. Richtig, der Hospitalerowird erst in einer Stunde erwartet aber wir stürzen, einem plötzlichen klaustrophobischen Impuls folgend durch die Hintertür ins Freie und retten uns über einen niedrigen Zaun auf die Straße.

Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet zum Glück nicht mehr. Wir laufen ein paar Schritte und es beginnt zu regnen. Der Regen beginnt eigentlich nicht, er plätschert sturzflutartig vom Himmel und der sanfte Übergang von Vor- zu Jetztwetter wurde irgendwie herausgeschnitten. Wir erreichen eine unbelebte Hauptstraße und folgen dieser ein paar hundert Meter, bevor wir nach links abbiegen und einen schlammigen Platz queren. Vor einem riesigen und sicher uralten Eukalyptusbaum halten wir kurz inne und recken blinzelnd unsere Nasen in die Höhe und den Regen. Die Baumspitze ist kaum zu erkennen, sie verliert ihr Grün an die vom Boden aufsteigenden Dunstschleier und nimmt das Grau des Himmels an.

Rain Dogs

Rain Dogs (© Martin)

Außerhalb von Portela de Tamel schlängelt sich der Camino als Feldweg, oder heute vielmehr als Feldbach, durch Weinanbaugebiet, Obst- und Gemüseplantagen. Mancherorts bilden die wuchernden Weinreben natürliche Blattdächer, die mitnichten einen wirksamen Schutz vor der alles durchdringenden Nässe spenden. Ich entdecke einen Rebstock mit den besonders schmackhaften, hier eher selten vorkommenden weißen Trauben. Mit knurrendem Magen stürze ich mich auf den Rebstock und verschlinge nicht einzelne Beeren, sondern ganze Trauben. Angesichts dieser Fressorgie kann auch Martin nicht an sich halten, Traubensaft rinnt durch Kinnbärte, Schalenreste, Kerne und Traubenstengel liegen wie Strandgut verstreut an den Miniaturufern rostbrauner Pfützen und Rinnsale. Aufgekratzt durch diese hochwillkommene Zuckerinfusion setzen wir den Weg fort und durchqueren die zunehmend wasserführenden Senken im Laufschritt.

Endlich erreichen wir eine kleine Ortschaft und entern die erstbeste und vermutlich einzige Kneipe. Wir bestellen Kaffee und Bocadillos bei der etwas zu blassen jungen Dame an der Theke. Die überwiegend älteren Herren, die sich hier aufhalten, zeigen sich unberührt ob unserer Erscheinung oder lassen sich einfach nichts anmerken. Auch die sich um uns herum ausbreitenden Wasserlachen auf den Bodenfließen werden nicht mit Aufmerksamkeit honoriert was mich dazu ermutigt, aus den schmatzenden Flößen zu steigen, die einmal meine Schuhe waren und die Socken auszuwringen. Da sich niemand mokiert, entledige ich mich auch dem Rest meiner klatschnassen Sachen, bis auf Hose und T-Shirt versteht sich, und wechsele auf der nicht gerade geräumigen Toilette in die letzte mir verbliebene trockene Garnitur. Dies sollte der vorerst letzte Tag unserer Wanderung sein, an dem ich trockene Wäsche als angenehm empfinde.

(© Martin)

Aufgewärmt, gestärkt und halbwegs trockenen Fußes setzen wir die Reise fort, stets misstrauisch den grauen Himmel beäugend. Hoffnungsvoll laufen wir ein paar Meter als unvermittelt Starkregen einsetzt. Die Stimmung ist gedämpft bis angespannt und entlädt sich jäh in der Nähe eines Bildstocks, als Martin sich anschickt einen offenen Schnürsenkel zu befestigen. Die bisher unerkannt gebliebene Fehlkonstruktion seiner Rucksackregenhülle verhindert das Ablaufen eingedrungenen Regenwassers. Infolgedessen ergießen sich mehrere Liter frischen Regenwassers während des Bückvorgangs direkt in Martins Hosenboden, was infernalisches Geschrei und eine wohlfeile Auswahl der allerschlimmsten Flüche hervorruft. Die letzte trockene Wäsche ist passé und es liegt noch ein weiter Weg zwischen uns und dem heutigen Tagesziel.

Letzthin schlagen wir uns Seemannslieder und „row, row, row your boat“-Kanons singend doch noch bis Ponte de Lima durch. Das trutzig mittelalterlich wirkende Städtchen, so munkelt man, ist eine der ältesten Siedlungen Portugals und wurde von den Römern einst als Garnison zum Schutz der hier verlaufenden alten Handelsstraße gegründet. Wir folgen dem Verlauf einer breiten und überdimensioniert anmutenden Platanenallee in die Stadtmitte. Um einen nassen Faden wäre es von belangloser Natur, das unablässige Strömen des Landregens und den Zustand unserer nunmehr funktionslos gewordenen Funktionsbekleidung zu erwähnen, würden diese Umstände nicht die fassungslosen Blicke veranschaulichen, die wir nun stumm auf die Frau in der Touristeninformation richten. Freundlich, fast mitleidig klärt die uns darüber auf, dass die öffentliche Herberge erst in 3 Stunden in Tore öffnen soll. In Ansätzen resigniert ersteht Martin ein paar Postkarten und Briefmarken, während ich meinen nassen Klumpatsch von Strohhut besorgt auf möglicherweise schon vorhandene frische Triebe hin untersuche.

Bei Verlassen der Touri-Info, die in einem alten Wachturm untergebracht ist, treffen wir draußen auf eine kleine Pilgergruppe. Nach einer Stadtbesichtigung steht uns jetzt eher nicht der Sinn, also queren wir den Fluss Lima über eine mittelalterliche Steinbrücke in Richtung der Herberge und hoffen, die Zeit bis zur Öffnung in einer Kneipe, einem Café, hauptsächlich an einem trockenen Ort vertrödeln zu können. Praktischerweise befindet sich gleich neben der Herberge ein Café, das wir schnell durch eine der trotz des Wetters weit geöffneten Flügeltüren betreten. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelt sich einer der Tische in eine Geröllhalde nasser Jacken, Hosen, T-Shirts, Socken, Schuhe, Einlegesohlen, Handtücher, Rucksackregenhüllen, Reiseführer, Kameras, Tüten und anderer Gegenstände. Nasse Wäsche wird gegen weniger nasse Wäsche gewechselt und dann bestellen wir Tee, Kaffee und Sandwiches. Auf einem Wand-TV läuft Fußball.

Später trifft ein schwedischen Ehepaar ein und setzt sich an einen Nachbartisch. Sie berichten kurz von ihrer bisherigen Reise und wir von der unseren. Dann ist es auf einmal soweit, die Herberge öffnet und wir sind die ersten an der Rezeption. Ein Mädchen nimmt unsere Personalien auf und bittet uns dann im Vorraum auf den Hospitalero zu warten. Ein älterer kleiner fast kahlköpfiger und sehr behender Mann eilt herbei und öffnet das große eisenbeschlagene Tor, durch welches wir ins Innere des Heiligtums gebeten werden. Das ist keine Herberge, das ist ein Tempel der kristallinen Reinlichkeit, des frisch getünchten Kalks, des ölpolierten Holzes und fugenreinen Steins. Der Hospitalero führt uns durch die gemeinschaftlich zu nutzenden Räumlichkeiten, dabei deren Zweck erläuternd und nicht ohne Stolz deren erlauchten Zustand betonend. Diese Einrichtung kennt weder Sockenschmauch und Pfeifenrauch, noch Fettränder und Schweißbänder, noch Ohrenschmalz und Achselsalz. Wie die ersten Menschen laufen wir taumelnd umher, erklimmen Stufe um Stufe und erreichen schließlich trunken den olympischen Schlafsaal im höchsten Stockwerk. Ungefähr 30 bis 40 Holzbetten mit blauen Plastikmatratzen reihen sich in gleichmäßigem Abstand aneinander. Mit einem Blick, der innere Zwiespalt erahnen lässt, ob man uns unbeaufsichtigt zurücklassen kann, weist uns der Tempelherr die Betten 1 und 2 zu. Danach macht er sich an den Abstieg, um weitere Pilger hinauf in den gelobten Saal zu führen.

(© Martin)

Einige Zeit später sind alle Betten vergeben, einige Pilger ruhen auf ihren Matratzen, andere unterhalten sich oder packen irgendwelche Dinge aus und ein. Martin ist duschen und ich hocke untätig auf meinen Bett, als sich die zwei Schweden plötzlich anschicken, ihre Betten aus deren Urposition heraus zu verschieben, um offenbar eine Art Ehebett zu bauen. Holzbeine schrammen quietschend auf gebohnertem Holzparkett und als die Betten in der ihnen artfremden Position zusammenfinden, bewunderten das schwedische Paar ihr Werk und sahen dass es gut war. Doch die Geräusche blieben nicht unerhört, hastig eilt jemand die Treppe herauf und der Hospitalero betritt hektischen Blickes den Saal. Entsetzt stürzt er sich in Richtung der Schweden, lauthals „No!“, „Why!“, „Oh Why!“, „Why are you doing this!“ schreiend. Das nicht weniger entsetzt und dazu noch hilflos wirkende Pärchen weicht Schutz suchend hinter ihr neues Doppelbett zurück. Der verständnislose Herr über Sinn und Ordnung indes teilt die Betten und befördert sie mit einer Kraft, die ich ihm wirklich nicht zugetraut hätte, wieder zurück an die ihnen einst von höheren Mächten zugeteilten Plätze. Kopfschüttelnd und um Jahre gealtert geht er von dannen und lang noch geistert das Echo „No!“, „Why!“, „Oh Why!“, „Why are you doing this!“ durch die kristallinen Räume des Tempels und die verworrenen Denklabyrinthe seiner Bewohner.

Bei Einsetzen der Dämmerung wagen wir uns nach Draußen. Überraschenderweise fällt kein Regen. Die alte Steinbrücke führt nicht mehr über den Fluss Lima wie bei unserer Ankunft. Mit an der Reling aufgepflanzten orange glühenden Fackeln kreuzt sie einer Galeere gleich durch den blau nuancierten Malstrom des Windes, Wassers und der Sedimente. Auf der anderen Flussseite angelangt trotten wir auf der Suche nach einem Restaurant ziellos umher. Martin erleidet eine Art Schwächeanfall, was hauptsächlich auf akuten Super Bock Mangel zurückzuführen ist, aber auch die letzte feste Mahlzeit liegt schon eine Weile zurück. Auch ich schwächle und verliere stolpern ab und an meine Badelatschen, was eigentlich eine Wohltat ist, denn sie wurden nicht für blasengeplagte Füße auf längeren Stadtrundgängen konzipiert. Dann finden wir eine Bar und bestellen endlich die dringend erforderlichen Rationen. Die kleine Tochter des Inhabers dreht währenddessen die Lautstärke des Fernsehers auf ein schwer erträgliches Maß. Wir bestellen mehr Bier.

(© Martin)

Noch haben wir keine Lust in den Pilgertempel zurückzukehren und setzen uns nochmal in die Kneipe nebenan. Hämo-V sitzt am Tisch einer Frauengruppe und redet in erstarrter Körperhaltung auf eine der Damen ein. Verkrampft hält sie eine Gabel in der Rechten und ihr Blick hüpft unentschlossen zwischen Hämo-V und dem aufgespießten, erkaltenden Happen hin und her. Ich bezahle unsere Zeche und bekomme mein Trinkgeld in Form eines Schokoladenriegels erstattet. Trinkgeld ist aus irgendeinem Grund nicht erwünscht.

Die Nacht im Schlafsaal verläuft ereignislos, sieht man von einer stundenlangen Wahlkampfveranstaltung der kommunistischen Partei mit schmetternden Märschen und ausschweifende Bühnenrednern direkt vor der Herberge, den endlosen Schnarcharien der Schweden und einer herumgeisternden Gruppe von Stirnlampenträgern ab. Martin wirft sich in hohen Bögen murrend und fluchend von einer auf die andere Seite der dabei laut quietschenden Plastikmatratze. Im Halbdunkel meine ich Menschen zu erkennen, die wie ich benommen auf ihren Matratzen sitzen und sich fragen, warum das alles. Weil mir keine vernünftige Antwort einfällt, ereilt mich in einer frühen Morgenstunde doch noch ein gnädiges Wachkoma.

Wetterbericht: Nieselregen, Landregen, Starkregen, Platzregen, Überraschungs- bzw. Hinterhaltregen
Pilgerbericht: Hämo-V, Stirnlampensippe, Schweden, u.v.a.
Tagesstrecke: 24,3 km
Gesamtstrecke: 85,3 km

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3 Thoughts on “Caminho Portugues von Portela de Tamel nach Ponte de Lima

  1. Monika on 5. Mai 2014 at 12:08 said:

    In all dieser nun schon gewohnt grandiosen Schilderung, der später sicherlich ein eingehauchter portugiesischer Einfluß von Pessoa zuerkannt werden wird, läßt mich vor allem ein Satz, der vergleichsweise schlicht gehalten ist in Ehrfurcht verharren: „Martin ist duschen“.

    ?

    Noch nicht nass genug geworden?

    • Alex Alex on 6. Mai 2014 at 8:59 said:

      Das ist richtig. Die Antwort lautet „Noch nicht nass genug geworden.“ Tag 5 ist gewissermaßen der Wendepunkt, ab dem trockene Kleidung kratzt, trockene Haut juckt und Sonnenstrahlen als unangenehm empfunden werden.

  2. peregrino Martinhão on 7. Mai 2014 at 21:56 said:

    Ein Wendepunkt, das will ich an dieser Stelle unterstreichen. Oder besser gesagt der Start in das neue Leben als Qualle. Sobald eine leichte Antrocknung einsetzt, erfolgt die reflexartige Wässerung. Näheres dann bestimmt bei Tag 6 dieser denkwürdigen Reise.
    P.S.: Ich entsinne mich, dass es einziges Bild mit Hämo-V an diesem Tag gibt. Ein Zeitzeugnis, das an dieser Stelle nicht vorenthalten werden sollte.

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