Tag 4: Jaulende Hunde, jodelnde Katzen, quietschende Reifen, heulende Motoren und knarzende Plastikmatrazen bevölkern die universale Stille des nächtlichen Rates, so wie man sie nur auf dem Lande und fernab unserer achso gerühmten Zivilisation vorfindet. Universale Stille führt sie herbei, die sogenannte Pilgersomnambulanz, aus welcher man stets zu frühester Morgenstunde wohlerschöpft und mit einer frischen Portion Wahnsinn erwacht.

wasserpause

Wasserpause (© Martin)

Gegen 6:00 Uhr sind wir wieder unterwegs, wenn auch leicht benommen, und laufen gen Norden, über Feldwege, durch Eukalyptus-Wald, entlang uralter moosgrüngrauer Steinmauern, hinter denen Weinstöcke, hochstieliger Kohl und Mais gedeihen. Auf einer der Mauern steht ein in Tarnfleck gewandeter Portugiese und hält mit einer doppelläufigen Schrotflinte eine Hundertschaft Maispflanzen in Schach. Wir passieren grüßend, futtern im weiteren Verlauf Unmengen weißer Weintrauben und vernehmen dann einen in der Ferne verhallenden Schuss.

Einkehr in Café Antonio Pedra Furada, drinnen sitzen Zahnspange, rasende Püppi, der Graue und diverse Einheimische. Wir bestellen Napfkuchen, Riesensandwiches und sehr guten Kaffee. Wieder unterwegs, der Weg schlängelt sich durch dünn besiedelte Kulturlansdschaft, Felder und Wäldchen. Ein Pickup mit aufgeschnalltem Riesenmegafon folgt uns auf dem Fuße und beschallt einen ca. 100 km umfassenden Perimeter mit kommunistischen Wahlkampfparolen und einem alten portugisischen Schlager.

Barcelos_Bruecke

Brücke über den Rio Cávado

Erreichen die Stadt Barcelos über eine mittelalterliche Brücke und peilen direkt die erhabene Ruine des Palastes „Paco dos Condes“ auf der anderen Seite des Flusses Cávado an. Neben der Palastruine gibt es ein Freilichtmuseum mit alten Säulen, Grabplatten und Gemäuern. Ein guter Ort für eine Rast, ein Pfeifchen und die Geschichte vom „gebratenen Hahn“.

Der Legende nach wurde einst ein galicischer Pilger zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt und zum Tode durch Erhängen verurteilt. In einem letzten Plädoyer vor dem Richter, der gerade beim Festmahl saß, versicherte der Verurteilte: „Es ist so sicher, dass ich unschuldig bin, wie dieser Hahn krähen wird, wenn man mich hängt.“ Man erhängte den Pilger und der Hahn stand wie vorhergesagt auf und krähte. Der Pilger wurde sofort vom Strick genommen und überlebte dank einer locker gebundenen Schlinge. Er verließ die Stadt unversehrt und kehrte nach langer Zeit zurück um aus Dankbarkeit für sein Überleben der Schutzheiligen Jungfrau Maria ein Kreuz zu errichten.

Hühnchen

Wie auch immer es sich zugetragen haben mag, heute gilt jener Hahn als ein nationales Wahrzeichen in Portugal und wird vielerorts als Ton-, Holz- oder Zinnfigürchen feilgeboten aber auch als Brathahn. Nach einer ausgedehnten Pause laufen wir weiter in Barcelos‘ Stadtzentrum, erwerben Postkarten und suchen anschließend das dafür zuständige Amt. Während ich auf einer Mauer sitze und die müden Beine baumeln lasse, segnet oder verflucht eine in der Nähe sitzende alte Frau wahlweise aber lauthals Passanten, je nachdem wie viele Münzen diese in ihr Körbchen werfen. Martin wird unterdessen als Landsmann erkannt und setzt seinen Weg fortan erhabenen Hauptes als Portugiese fort.

© Martin

Parteizentrale (© Martin)

Barcelos großzügig angelegte Plätze, mittelalterliche Flussbrücken, Stadthäuser, Kirchen und Platanenalleen liegen hinter uns, wir passieren die Zentrale der Kommunistischen Partei am Librationspunkt zwischen historischer Stadtmitte und suburbanem Raum mit eher klotzigen Wohnsilos. Es geht leicht bergauf und siehe da, hier wurde ein sogar ein Fußballstadion errichtet, Heimat des Gil Vicente FC, einem portugisischen Erstligisten mit einem Brat- äh Hahn im Wappen, der Recherchen zufolge eine Zeit lang von Ordensbrüdern geführt und von einem Pfarrer namens José Maria Furtado aus einer finanziellen Krise geführt wurde.

Videira (© Martin)

Videira (© Martin)

Wir verlassen endgültig städtische Gefilde und durchwandern Hügelland, vorbei an kleinen und größeren umzäunten Grundstücken, teilweise mit Eigenheimen bebaut. An einem Zaun halten wir plötzlich inne, weil wir einen Baum mit saftigen Feigen erspäht haben, dessen längere Äste bis auf den Weg ragen. Gierig greifen wir nach den Früchten, als der Boden unter unseren Füßen rhythmisch zu schwanken beginnt. Schockwellen breiten sich ringförmig um das in unmittelbarer Nähe befindliche Epizentrum auf der anderen Seite des Zauns aus. Die Minibeben werden durch einen unfassbar beleibten Sumojungen ausgelöst, der mit Ziegenkäse und Yakmilch aufgezogenen wurde. Seinen Titanenleib abwechselnd seitlich von einem auf das andere Bein verlagernd, erzielt er durch leichtes Vorbeugen und Rotieren des Rumpfes um die Körperlängsachse einen signifikanten Geländegewinn in unsere Richtung. Uns dessen bewusst werdend, lösen wir uns aus der Schreckstarre, pflücken panisch so viele Feigen wie wir tragen können und flüchten in den Schutz des nahen Eukalyptuswaldes. In der Ferne erhebt sich Wutgeheul oder vielmehr ein kehliges Kreischen, als das ganze Ausmaß unseres Frevels erkannt ist.

© Martin

Bahngleise (© Martin)

An der einzigen Straßenkreuzung des Dörfchens Lijó unweit einer kleinen Kapelle legen wir vor der Dorfkneipe eine Super Bock Pause ein. Ausgezeichnete Gelegenheit die Füße zu entschuhen, sich in die roten, ausgeblichenen Plastikstühle zu lümmeln, das unerwartet sonnige Wetter ausschweifend zu verunglimpfen und die Entfernung bis zur nächsten Herberge zu schätzen, die wohl ca. 5 km beträgt. Die schwerste Prüfung des Tages ist der Abbruch einer nachmittäglichen Rast. Füße verkrampfen sich, Zehen bohren sich Wurzeln gleich in die ausgedorrte rötliche Erde, um nicht zurück in muffige Wanderschuhe gepresst zu werden. Nur der wundersame Hirschtalg mindert den Widerwillen auf ein erträgliches Maß.

Wir kennen die fatalen körperlichen wie moralischen Auswirkungen einer vorzeitigen Super Bock Rast und treffen die Entscheidung zu einer solchen nie leichtfertig. Oft sind Pausen das Ergebnis stundenlanger strategischer Erwägungen und seltener der spontanen Art, wie die Wasseraufnahme an römischen Zisternen, Nothalte bei anhaltenden Lachkrämpfen oder verlockenden Fotomotiven, um einige Beispiele zu nennen.

Aufstieg

Portela de Tamel

Ein letzter ungemein steiler Anstieg wird überwunden und wir erreichen die sehr neuwertig und modern eingerichtete Herberge in Portela de Tamel. Wie üblich widmet man sich nach Ankunft der Körper- und Ausrüstungspflege, humpelt umher und erkundet die Herberge oder liegt einfach nur irgendwo herum. Nach Einbruch der Dunkelheit finden wir gegenüber ein Restaurant und bestellen Vinho Verde (der nicht etwa grün ist, sondern sprudelt) nebst Füsch. Hämo-V. ist uns dicht auf den Fersen, aber wie in Rates gelingt uns auch hier eine knappe Flucht.

Portela-de-Tamel

Herberge und Kirche von Portela de Tamel (© Martin)

Nachtpipers bei der Arbeit.

Auf dem Rückweg bewundern wir das bunte Leuchtstoffröhrenkreuz auf der Kirchturmspitze und die digitalen Glockenschläge aus einer Lautsprecheranlage. Im Herbergshof ist noch Zeit für letzte Tagebucheinträge und das Beobachten einer Gruppe lokaler Wahlkampfhelfer, die sich ebenfalls hier versammeln. Dann findet ein langer Tag in die wohlverdiente Nacht.

Wetterbericht: Überwiegend bedeckt, teilweise locker bewölkt mit vereinzelten Sonnenstrahlen.
Pilgerbericht: Zahnspange, rasende Püppi, der Graue, Hämo-V., u.a.
Tagesstrecke: 25 km
Gesamtstrecke: 61 km

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10 Thoughts on “Caminho Portugues von Rates nach Portela de Tamel

  1. mobbit on 14. Februar 2014 at 20:35 said:

    Viva Poetico! Was für ein Einstieg.

  2. peregrino Martinhão on 16. Februar 2014 at 14:09 said:

    Meiner Meinung nach führt eine Pilgerreise keineswegs zu geistiger Erleuchtung. Aber – und das sollte man nicht geringschätzen: sofern man mit dem richtigen Pilgerkumpanen unterwegs ist, öffnet sich Stück für Stück ein Ventil und all der angestaute Wahnsinn und die gesammelte Einfalt entweichen in Form von abstrusen Geisteskonstrukten, die sich unvorhersehbar und spontan in Worten manifestieren und einer Fieberkurve ähnelnd vor sich hin mäandern um dann im besten (oder auch schlimmsten) Fall in einen unkontrollierbaren Lachkrampf zu kulminieren. So gesehen wäre ich schon wieder reif für eine neuerliche Pilgerreise. Und ja, manchmal träume ich davon, dass der mit Yakmilch großgezogene Sumojunge noch hinter uns her ist!!

    • Passend bemerkt. Und schade, dass es keine audiovisuellen Aufzeichnungen dieses Teils des täglichen Pilgermiteinanders gibt. Andererseits könnten arglose Besucher dieses Blogs allzuleicht seelischen Schaden erleiden, konsumierten sie solch Material ungefiltert oder unkommentiert. In der Notaufnahme einer Irrenanstalt mag es vergleichsweise zivilisiert zugehen …

  3. mobbit on 17. Februar 2014 at 20:18 said:

    eine gewisse seelische Entrückung trotz des sorgsam vorgenommen Filterungsprozesses nicht zu leugnen … bitte weiter so!

    • peregrino Martinhão on 20. Februar 2014 at 12:36 said:

      Apropos seelische Entrückung: bildlich untermalt würde diese wunderbar durch das Foto der beiden Protagonisten beim Schmauchen des Pfeifchens im Dunkeln! Aber wahrscheinlich wäre dies für arglose Besucher der Gefahr zu viel.

  4. peregrino Martinhão on 13. März 2014 at 16:01 said:

    werter Autor, wo bleibt Tag 5 der Pilgerreise?! Wenn mich meine grauen Zellen nicht täuschen, handelt es sich just um jenen Tag, als die Schleusen geöffnet wurden und sich kostbares Nass über dankbare Pilger ergoss!

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