Tag 7: Nachlässig, wenn nicht gar fahrlässig wäre es, schilderte man nicht jedes noch so unbedeutende Faszettelchen einer durchlittenen Herbergsnacht. Das reiche Spektrum schlafbeeinflussender Faktoren, ob nun schlafmindernder, -verhindernder, -unterbrechender, oder -beendender Natur, wäre sicher einer umfassenderen Analyse nicht unwürdig. Dabei ist die bei Pilgern sehr gegensätzlich ausgeprägte Schlaf- oder Bettaufenthaltskultur nicht zu unterschätzen.

Als ein Beispiel der vergangenen Nacht mag die brasilianische Pilgermutti herangezogen werden, aus Gründen des Anstands natürlich nur im übertragenen Sinne, die sich nicht auf so stümperhaft-profane Weise ins Bett zu legen pflegt, wie wir es tun. Sie hat sich diesen mitternächtlichen Saal voll schlaflüsterner Pilger auserkoren, um mit der lieben Verwandtschaft zu chatten, welche zu komfortabler abendlicher Stunde brasilianischer Zeitrechnung am anderen Ende der Leitung gerade zu Hochform aufläuft. Pilgermuttis Smartphone taucht den Saal in unterseeisches blaugrünes Licht und übersetzt jedes der zahlreichen Emoticons in ein anderes akustisches Signal. Ich wähne mich dieses Mal in den Mannschaftsquartieren der Nautilus, 20.000 Meilen unter dem Meer, umgeben von rätselhaften, klingenden und singenden Maschinen verborgenen Zweckes und einer Horde schnarchender Matrosen.

Als wir am nächsten Morgen völlig zerschlagen in unseren Betten liegen, erwachen im Doppelstockbett neben uns die zwei Schnarcher der Sorte „Wir quälen euch im Duett“, ein älteres Pärchen, reiben sich die Äuglein und geben beim Strecken quiekende Laute der Erquicklichkeit von sich. Als ich mich fassungslos über die Bettreling nach unten beuge, erblicke ich den geräderten Mitpilger in selbiger Verfassung(slosigkeit). Glücklicherweise gelingt es uns irgendwie, die Energie des unterdrückten Gewaltexzesses in Aufstehen, Zähneputzen, Sachenpacken und Aufbruch zu kanalisieren.

Die historische Innenstadt queren wir nun ein weiteres Mal gen Norden in Richtung der Grenze und legen unterwegs noch eine Frühstückspause ein. Mein Wanderstab lehnt währenddessen an der Wand neben der Eingangstür zum Café und lässt sich später von mir vergessen. Nach nur einem gemeinsamen Wandertag gehen bzw. stehen wir getrennte Wege, aber immerhin half er mir über die Portela Grande.

Befestigungen von Valença

Befestigungen von Valença

Bald erreichen wir die hoch über dem Urstromtal gelegene, dem Fluss zugewandte Seite der befestigten Innenstadt. Umgeben von meterdicken Mauern, Türmchen, Zinnen und Scharten lassen wir unsere Blicke schweifen. Da ist eine der Architektur des Eiffelturms ähnelnde Eisenbahnbrücke über den Minho und die nicht minder befestigte, spanische Stadt Tui, die sich durch seltsame Fügung der Zeitverschiebung bereits eine Stunde in der Zukunft befindet. Durch das Nordtor verlassen wir endgültig Valenças Festungsanlage, übrigens ohne uns mit der für ihre unvergleichliche Qualität gerühmten lokalen Frotté-Ware eingedeckt zu haben, und laufen hangabwärts in Richtung der Grenzbrücke. Unterwegs erkundigt sich Martin bei einem bergradelndem Spanier nach einem Briefkasten, denn es muss baldigst ein Postkartenbericht an einige geschätzte Hobbitsens versendet werden.

Internationale Brücke über den Minho

Internationale Brücke über den Minho

Die Brücke erweist sich als eine zweigeschossige Konstruktion mit Fußgängerstegen und Autofahrbahn, überdacht von einer darüber errichteten gleisführenden Eisenträgerkonstruktion. Bei leichtem Nieselregen überbrücken wir Fluss, Zeit- und Landesgrenze und müssen auf der anderen Seite kurz Witterung aufnehmen, um den Weg wiederzufinden. Ähnlich wie in Valença windet sich der Caminho durch enge steinerne Gassen mit teilweise erheblichem Auf und Ab. Plötzlich und unerwartet stehen wir vor der Kathedrale der ehem. Bischofsstadt und lassen ein „Ja Halloooo!“ der schwäbischen Hausfrauengruppe über uns ergehen. Wir legen einen Schritt zu und überholen dabei diverse andere Pilgergrüppchen.

Kathedrale von Tui

Kathedrale von Tui

Als wir endlich alle abgehängt wähnen, befinden wir uns nicht mehr auf dem Caminho, denn wir haben uns verlaufen. Dies beweist vorzüglich, dass sich echter Pioniergeist nicht durch ausgelatschte Caminen beeindrucken lässt und in kleinen Unachtsamkeiten befreiende Aus- bzw. Neuwege findet. Als wir uns bei einheimischen Passanten nach einer Alternativroute zurück auf den Camino erkunden, empfiehlt man uns ausnahmslos die Rückkehr zur letzten Wegkreuzung, um dann richtig abzubiegen. Nicht ohne inneren Widerstand folgen wir dem Rat, hauptsächlich zugunsten unserer strapazierten Fußorgane. Die Aussicht auf neuerliche Begegnung mit schwäbischen Hausfrauengruppen lässt mich kurz ausfallend werden. Das euphorisierende Odeur meines T-Shirts verhindert jedoch schlimmere Ausbrüche und bald schon wandern wir den Caminho wieder kichernd unserem Tagesziel entgegen.

Wir verlassen Tui. An der Quelle Santo Domingo widerstehe ich nur schwer der Versuchung mich hineinzuwerfen, um die Mutationsrate meines T-Shirts anzukurbeln. Vorbei an Klöstern, Kirchen und Kapellen, deren Namen nichts zur Sache beitragen, wandern wir Kilometer um Kilometer auf Fußwegen entlang wenig befahrener Landstraßen durch Wald, unter- oder überqueren die A55 oder setzen auf mittelalterlichen Brücken über Fließendes hinweg. Aufzuführen wären hier die Ponte das Febres, hier starb der arme Wanderer San Telmo im April 1251, oder die uralte Steinbrücke von Orbenlle fragwürdiger Stabilität, deren untergründiges Gurgeln selbst den Tapfersten zu grausen vermag.

Brücke von Orbenlle

Brücke von Orbenlle

Hinter Orbenlle erstreckt sich das weite Industriegebiet von O Porriño, dessen Anmut in Liedern und Gedichten gerühmt und für alle Zeiten überliefert wurde. Es gibt auf dem Caminho nichts auch nur annähernd Vergleichbares. Wir fühlten uns bestenfalls an eine lange zurückliegende Wanderung durch Burgos auf dem Camino Francés erinnert. Auch damals mussten wir eine Bar aufsuchen, um die aus 10.000 Schritten durch glanzvolle Einöde resultierende Euphorie etwas zu bremsen … um nicht überzuschnappen. An den Namen der hiesigen Bar habe ich weder Aufzeichnungen noch Erinnerung, lediglich der Junge hinter der Bar hinterließ einen bleibenden Eindruck. Er konnte sich nur einen Gegenstand einer Sammelbestellung gleichzeitig merken, so das Wort „gleichzeitig“ hier überhaupt Anwendung finden darf. Hatte man den ersten Café bestellt und ging dann zu Nummer 2 über, hatte er den zuerst bestellten Café vergessen. So zog sich die Bestellung hin und wir verzichteten auf ein größeres Gelage, um die Weiterreise nicht um Tage hinauszögern zu müssen.

In O Porriño beschließen wir bis Mos weiterzulaufen. Auf einer Parkbank werden die Füße ausgepackt und mit magic-hirschtalg-potion für weitere 6 km konditioniert. Solch ein Spaziergang erfordert eine äußerst sorgfältige Dosierung, um nicht kilometerweit über unser heutiges Tagesziel Mos hinauszuschießen. Der Caminho und die A 55 verlaufen im Norden O Porriños endlich nicht mehr parallel und bald geht es wieder auf kleinen Sträßchen und Wegen über Land und durch kleinere Vororte.

Füße vor der Hirschtalgsalbung

Füße vor der Hirschtalgsalbung

Bald schon erreichen wir Mos und finden die kleine Herberge voll belegt vor. Pilger gaffen aus den Fenster und hängen nasse Handtücher über die Fensterbrüstungen. Der Hospitalero, gleichzeitig Betreiber einer kleinen Bar gegenüber der Herberge, schließt uns den ebenerdigen Keller auf. Tatsächlich erblicken wir dort im flackernden Neonlicht der Deckenbeleuchtung fünf blaue Matten auf dem grauen Betonboden. Der große Raum ist trocken und ruhig, also fackeln wir nicht lange und richten uns hier für die Nacht ein. Anschließend schlappen wir durch den Ort und warten auf den Koch des Dorf-Restaurants, der erst gegen Abend eintreffen soll. Bis dahin halten wir uns mit Knabbersachen und Bier mehr oder weniger hin. Das Warten lohnt sich, denn irgendwann gibt’s schmackhaftes Abendessen.

Freizeitfuß

Schlappen durch Mos

Zurück im Schlafkeller zeigt sich, dass noch zwei weitere Matten belegt sind. Die Neuankömmlinge sitzen mit all den anderen Pilgern drüben in der Bar und bestellen eine Flasche Wein nach der anderen. Immer lauter und trubeliger wird es, als ich mich kurz nach Draußen begebe um ein Pfeifchen zu rauchen, winken einige herüber, wollen dass wir uns anschließen. Mir steht der Sinn eher nach Löcher in die Luft starren als mich zu betrinken und ich winke ab.

Eine der Neuankömmlinge entpuppt sich den nächtens als Schnarcherin der Kategorie „Tod durch Ersticken“ und wird dabei sonor von der Heizungsanlage begleitet, deren metallene Eingeweide einen kleinen Nebenraum fast komplett ausfüllen. So oder so ähnlich muss es in der dritten Klasse der Titanic zugegangen sein und ich frage mich, warum Herbergsnächte so oft maritime Assoziationen wecken. In den akustischen Interferenzen eines vibrierenden Gaumensegels und eines dröhnend-stampfenden Retroaggregats suche ich vergeblich nach Symmetrie als Martin der Finsternis recht Bedrohliches anvertraut. Es sind schwer verständliche Fragmente, aber es hört sich an wie „… Matte an allen vier Enden packen … vor die Tür schleifen …“. Der letzte Gedanke des Tages.

Wetterbericht: Ein verhältnismäßig trockener Tag ohne die liebgewonnenen Erfrischungen.
Pilgerbericht: Schnarchende Italienerin u.v.a.
Tagesstrecke: 25,7
Gesamtstrecke: 143 km

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9 Thoughts on “Caminho Portugues von Valença nach Mos

  1. wvuuaaahahhhrrr, smeeeeagols füüüüße!

  2. Smeagol on 9. August 2014 at 8:26 said:

    Was sagt es uns, mein Schatz?! Dummes fettes Hobbit mag unsere Füße nicht!? Gollum … Gollum …äääähhhhhhhh!

  3. zu wenig Haare dran … und zu bleicccchhhhhh….

  4. peregrino Martinhão on 24. August 2014 at 14:58 said:

    noch ein mal bezugnehmend auf auf die haarlosen Riesenhobbitfüße: des Smeagols Quadratlatschen lassen mich perplex erschauern. Man beachte aber auch die vielen kleinen hellen Punkte auf dem durch die fotografische Tiefenunschärfe weniger grausig wirkenden Mitpilgerfüße!

  5. Ich wusste gar nicht dass man sich die bilder noch vergrößern kann … noch einmal wvuuaaahahhhrrr. selbst in der vergrößerung bin ich nicht sicher ob ich die hellen punkte zu sehen vermeine.

    die weißen hellen punkte sind dabei natürlich nicht uninteressant, nicht uninteressant. um was handelt es sich hierbei? oder ist es nichtvielmehr so, dass es sich um viele rotpunktige flächen handelt, die nur wenige normalfußfarbene flächen freistehen lassen? was ist ihre fachliche meinung?

  6. peregrino Martinhão on 26. August 2014 at 11:01 said:

    Interessant. Dann wären die weißen Punkte die letzten Anker der sich im Verlieren der strukturellen Integrität befindlichen Füße?
    Damals fand ich’s einfach nur eklig – jetzt plötzlich hochinteressant!

  7. selten wurde Poetischeres vernommen als dies. So kann nur ein Pilger sinnieren.

  8. peregrino Martinhão on 22. Dezember 2014 at 15:48 said:

    hochwerter Herr Institutsleiter,

    wie ich wiederholt zum Besten gegeben habe, bin ich ein treuer Leser und erfreue mich aufs Höchste an den dargebotenen Inhalten. Umso größer wäre die Freue über eine Fortsetzung der Reihe „caminho português“ … schaffen es die beiden Helden überhaupt bis ans Ziel??!
    Vor Spannung platzend und mit besten Grüßen verbleibend,
    Ihr,
    peregrino Martinhão

  9. … der siebte Tag ist nun verklungen,
    von großen Epen ward gesungen.
    Stehen wir wie vor Moria?
    so sprich und gib Tag acht!

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