Tag 8: Im Zwischendeck ist es zappenduster als Geräusche unbestimmbarer Herkunft meinem Tiefschlaf ein abruptes Ende bereiten. Etwas schleift über den trockenen Betonboden, es knistert und raschelt. Im benachbarten Maschinenraum dagegen ist es still. Wir scheinen gestoppt zu haben und rollen in leichter Dünung auf und ab. Die Eisentür zur Straße wird knarzend einen Spalt geöffnet und für einen kurzen Moment zeichnen sich diffuse Konturen im frühen Dämmerlicht ab. Jemand oder etwas huscht durch den Türspalt ins Freie. Noch bevor mein benommener Geist die grau invertierten Schemen zu interpretieren in der Lage ist, drifte ich zurück in ferne Traumlande.

Erwachen. Staubpartikel wabern schwerelos in Strahlen des durch Ritzen im Türrahmen dringenden Tageslichts. Mit morgenrauhen Kehlen fluchen wir uns aus den Schlafsäcken und geben lautstark die vordringlichsten Körperbefindlichkeitsparameter zum besten. Die am gestrigen Abend im Maschinenraum verteilte Pilgerwäsche ist getrocknet. Wir sammeln alles ein und verfügen uns mit Sack und Pack vor die Tür. Das ungewohnt trockene Wetter enttäuscht auf Anhieb. Bis auf uns sind keine Pilgermenschen zu erblicken. Die Herberge scheint verwaist. Es muss tatsächlich schon recht spät sein. In der Bar des Herbergsbetreibers gegenüber gibt es Kaffee und das obligatorische spanische Frühstückgebäck.

Gestiefelt und gespornt gehen wir die nächste Etappe an. Das etwa 28 km entfernte Pontevedra, übersetzt „Alte Brücke“, soll unser heutiges Tagesziel sein. Nach nur wenigen Schritten werden wir für das miserable Wetter entschädigt. Die Straße meandert nicht, nein sie führt in schnörkelloser Geradlinigkeit und gefühltem 45°-Winkel einen eukalyptusbewachsenen Hügel hinauf. Mag das Wetter uns Pilgern auch den Stinkefinger zeigen, allein die ausgefuchste Topologie lässt uns nicht im Stich. Nur widerwillig verrichten die Beinmuskeln ihren Dienst, es kneift, zieht und zwackt. Auf halber Anhöhe durchstreifen wir eine kleine Siedlung. Die Asphaltstraße unter unseren dicken Sohlen wurde von Einheimischen mit zahlreichen Kreidesymbolen und Schriften der eher ruchbaren Art verziert. Die Symbolik dient unverkennbar der Visualisierung geschlechterspezifischer Merkmale der menschlichen Anatomie. Gepaart, oder sagen wir besser in Verbindung mit den dazugehörigen Schriften schließen wir bei den primitiven Fresken auf detaillierte Darstellungen der lokal üblichen Hochzeits-, Fruchtbarkeits- und Fortpflanzungsrituale. Die Verzierungen enden vor der Gartenpforte eines großzügig bebauten Grundstücks. Menschen oder anderen Wesen begegnen wir in dieser Siedlung nicht.

Landschaft der Provinz Pontevedra

Landschaft der Provinz Pontevedra

Wir erreichen den Scheitel der Anhöhe und es eröffnet sich eine ergreifende Aussicht auf ein langgestrecktes Tal. Kleine Dörfer, Kohlfelder, Obstbaumhaine, Weinstöcke, lehmige Karrenwege und schmale Asphaltsträßchen prägen diese ururalte Kulturlandschaft soweit das Auge fliegt. In der Ferne verdichten sich die verstreuten Ansiedlungen zu einer Stadt. Nach einem steilen Abstieg und wenigen Kilometern Wegstrecke gelangen wir nach Redondela und laufen durch das historische Stadtzentrum mit seiner turbulenten Einkaufs- und Kneipenmeile. Der andere Pilgeronkel lenkt meine Aufmerksamkeit plötzlich auf ein Eckladengeschäft. Dort werden allem Anschein nach fabrikneue T-Shirts wohlfeil geboten. Während ich darüber nachsinne, was an einem solchen Geschäft so bemerkenswert sein soll, schließlich trage ich ein T-Shirt, und kein so übles wie ich anmerken möchte, verrichtet es doch seit vielen Jahren treu seinen Dienst, begebe ich mich in den Laden und drehe unschlüssig an den verchromten Kleider-Karussells. Wenigstens das Drehen der Kleiderständer sorgt für willkommene Abwechslung. Die oben auf dem Rund angebrachten leuchtend gelben, grünen und roten S, M und L-Schildchen ziehen wieder und wieder an mir vorbei. Die Preise rangieren zwischen 8 und 15 € und mir kommen ob dieser durchscheinenden Gewebe doch gewisse Zweifel an der Wertigkeit. Diese T-Shirts halten sicher keine 30 Jahre durch. Da wird mir auf einmal bewusst wie still es im Laden ist. Sis is väry stränge. Wimmelte es nicht gerade noch so vor Kundschaft? Auch die Verkäufer sind wie vom Erdboden verschluckt. Noch eine psychedelische Runde auf dem Kleiderkarussell, dann gehe ich erleichtert wieder hinaus.

An einem Viadukt halten wir kurz inne und vergewissern uns gegenseitig, dass es sich bei diesem beeindruckenden Bauwerk um ein Viadukt handelt. Ein Viadukt ist ein Viadukt ist ein Viadukt. Viadukt. Am Ortsausgang lassen wir die öffentliche Herberge links liegen. Aus den Fenstern hängen auch hier die obligatorischen Handtücher, wie Flaggen am Nationalfeiertag. Einige Pilger recken sich weit aus den Fenstern, winken und rufen nach uns. Es ist noch früh am Nachmittag und ein Einkehren kommt überhaupt nicht in Frage.

Ein Viadukt ist ein Viadukt ist ein Viadukt

Ein Viadukt ist ein Viadukt ist ein Viadukt

Unser Weg führt über den Rücken einer bewaldeten Hügelkette. Wo sich der Wald im Westen lichtet, schaut man auf die Meeresbucht Ria de Vigo. Der Fjord verjüngt sich zunehmend und seine gründigen schwarzen Wasser vermischen sich schließlich bei Ponte Sampaio mit denen des hier einmündenden Rio Verdugo. Wir überqueren den Fluss auf einer romanischen Steinbrücke und folgen weiter den Pilgermuschelzeichen durch die verwinkelten und mitunter recht steilen Gassen des Dörfchens. Beinahe alles hier wurde aus grauem Feldstein errichtet, befestigt oder gepflastert. Auch die schon auf anderen Wanderungen bestaunten Horreos gibt es hier. Doch offenbar keine Menschen oder dessen domestizierte Evolutionsgefährten, die sich üblicherweise in Menschennähe aufzuhalten pflegen. Nach einer weiteren Abzweigung nimmt das Gässchen einen geraden, ebenen Verlauf und ich erblicke überrascht und gleichsam hoch erfreut ein putziges schwarzes Hündchen. Es liegt dösig mitten auf der Pflastersttraße und hebt ein wenig sein Köpfchen. Es scheint mich nicht gesehen, dafür aber doch etwas ungeheuer interessantes gewittert zu haben. Der Abstand zwischen uns schmilzt auf wenige Meter, als es sich aufsetzt und zitternd mit hoch in den Himmel gereckten Nüstern und blinzelnden Äuglein in meine Richtung schnuppert. Wie vermag man die innere Geisteshaltung eines durch tagelange körperliche und seelische Entbehrungen gezeichneten Pilgers in Worte zu fassen und wer mag es ihm verdenken, sich an des kleinen Hündchens geballter Lebensfreude, die er hervorzukraulen gedenkt, nach Herzenslust zu laben. In euphorischer Grundstimmung nähere ich mich schnellen Schrittes mit Rückenwind. Da jault es winselnd auf und sucht wie ein geölter Blitz in entgegengesetzter Richtung zu entkommen. Ohne sich einmal nach mir umzusehen sprintet es durch die Gasse hinfort, schlägt Haken, rast einen steilen Hang hinauf und ward nie mehr gesehen. Mein Companion versucht sich zugleich an der gewagten These, es gebe eine kausale Beziehung zwischen dem seltenen Odeur meines schwammartigen Lieblings-T-Shirts und dem äußerst empfindlichen Geruchsorgan des gelittenen Vierbeiners. Soviel jedenfalls meine ich den zwischen mehreren Gelächtersalven atemlos hervorgebrachten Ausführungen entnehmen zu können.

Die schwarzen Wasser von Ponte Sampaio

Die schwarzen Wasser von Ponte Sampaio

Wenig später liegt eine weitere Anhöhe vor uns. Bevor es bergauf geht überqueren wir einen seichten klaren Bach auf einer rostbraunen Stahlträgerbrücke, die auf altertümlich wirkenden Steinfundamenten ruht. Der rötliche Sandsteingrund auf der anderen Seite weist an einigen Stellen tiefe und breite Furchen auf. Glaubt man dem am Wegesrand aufgepflockten Schild, stammen die alten Brückenpfeiler und Ochsenkarrenfurchen ebenfalls aus der Römerzeit. Schwungvoll und leichtfüßig, Bergziegen gleich, steigen wir bergan, überholen unterwegs eine Gruppe Schwedinnen und kurz darauf zwei Schweizer Wandersleute. Einer der beiden ist reich an Jahresringen und wir zollen seiner Laufleistung ein gehörig Maß Respekt. Mögen auch wir die Zeiten unbeschadet überdauern, um eines Tages ähnliche Großleistungen zu vollbringen.

Auf der Überholspur

Auf der Überholspur

Die verbliebenen mageren Kilometer nach Pontevedra legen wir auf asphaltierten Wegen oder Betonsträßchen zurück. Über O Pobo, O Casal do Rio, Lusquinos und O Marco gelangen wir zur öffentliche Herberge am südlichen Ortsrand der Stadt Pontevedra. Der Schnarchkomplex ist durchaus von anderem Kalliber als unser Kellerverlies der letzten Nacht. Allein der großzügig dimensionierte Busparkplatz vor dem Hauptgebäude lässt erahnen, dass man an diesem Ort keine Einsamkeit fürchten muss. Duch das gläserne Eingangsportal gehen wir in die Empfangshalle und direkt zur Rezeption. Während der Anmeldeprozedur bringen wir in Erfahrung, dass es sogar zwei funktionstüchtige Waschmaschinen gibt. Wir werden einem Schlafsaal mit etwa 8 Doppelstockbetten zugewiesen. Hier tummeln sich bereits die Schlagerpüppis, der Münchner, Jasmin und ein Grüppchen spanischer Hausfrauen. Die Schlagerpüppis tragen oder treffender, rollen gigantische Wäschebündel zur Tür hinaus und begraben darunter unsere letzte Hoffnung auf tiefengereinigte Unterbuxen oder gar geruchsneutrale T-Shirts. Beide Waschmaschinen werden bis an der Zeiten Ende belegt sein, oder so lange bis die mit Püppitextil vollgestopften Edelstahltrommeln ihre zermalmten, gepeinigten Lager sprengen, scheppernd durch Empfangshalle, über den Busparkplatz und durch Pontevedras historisches Zentrum rumpeln, in den Rio Lérez platschen um dort leise schmatzend im grauen Uferschlick zu versinken. Es bleibt also nur die Handwäsche an einem der braunmamorierten Steinbecken mit der zur Neige gehenden Tubenreiseseife. Da folgerichtig auch alle Trockner belegt sind, hänge ich mein gestreiftes Lieblings-T-Shirt auf eine Wäscheleine ins Freie. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die eingewirkten Reiseseifenährstoffe werden den Fortbestand der im T-Shirt evolutionierenden Mikrohochkulturen sichern helfen. Manchmal hängt das Überleben von einer belegten Waschmaschine ab.

Hungrig verlassen wir gegen 19 Uhr wir die Herberge um in Pontevedras Innenstadt etwas nahrhaftes aufzutreiben.. Nicht weit von uns steht ein Turi-Info-Hüttchen. Da es selten schadet sich zu informieren, und sei es nur um den kürzesten Weg ins nächstgelege Restaurant mit einigermaßen vernünftigen Preisen zu erfahren, verfügen wir uns hin und hinein. Im Inneren des Habitats ist es heiß und trocken, ein Atomheizlüfter läuft auf ca. 350 Prozent der mit Sicherheit und Ordnung eben noch zu vereinbarenden Nennleistung. Eine Kernschmelze scheint nicht ausgeschlossen. Mit der freundlichen Infokraft unternehmen wir sogleich eine ausschweifende virtuelle Zeigefingerundfahrt auf der vor ihr liegenden Stadtkarte. Schwungvoll gekritzelte Belagerungsringe aus blauer Kugelschreibertinte markieren die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die ebenso wenig Chancen zur Flucht zu haben scheinen wie wir. Die hilfsbereite Dame redet schnell und geizt keinesfalls mit historischen Fakten. Indes mindert der Atomspalter den Wassergehalt meiner Körperzellen um mindestens die Hälfte und glaube zu schrumpfen. Nachdem wir uns irgendwie losreißen können ist immerhin eines gewiss. In Pontevedras Zentrum geht es da entlang.

Nebulöses Pontevedra

Nebulöses Pontevedra

Irgendwo am Rande der riesigen Plaza Ferrería setzen wir uns mit knurrenden Mägen und einer dementsprechend wölfischen Gemütslage in den Freisitz eines Restaurants. Der Kellner entdeckt uns geraume Zeit später wohl eher durch einen (un)glücklichen Zufall und wir bestellen sogleich Pimentos de Padrón, Empenada, Mejillones, Percebes, Queixo con Membrillo, Polbo á Feira, Vieiras, Lacón und eine große Portion Neunaugen. Für das Hauptgericht und den Nachtisch würden wir uns später entscheiden. Der Kellner scheint zutiefst verwirrt und teilt mit, dass es vor 21 Uhr kein Abendessen geben würde, weder in diesem noch einem anderen Restaurant der Innenstadt. Wir bestellen Orangensaft und erbetteln eine kleine Brotbeilage. Anschließend laufen wir etwas unschlüssig umher und erspähen dabei ein hoch aufgehängtes Protestbanner mit der Aufschrift „Gegen den Bau eines innerstädtischen Krematoriums!“. Ergänzt werden sollte diese sehr nachvollziehbare Forderung mit „Abendessen für Pilger ab 19.00 Uhr!“. Wir treten den Rückweg an und stellen freudig überrascht fest, dass gleich gegenüber der Herberge zwei Bars geöffnet haben. Linkerhand werden allerlei ethanolhaltige Flüssigkeiten serviert und rechts dem Geruch nach eher fetthaltige Molekularverbindungen. Ein durstig anmutendes Pilgergrüppchen aus unserem Schlafsaal wechselt gerade von rechts nach links und Martin hofft wohl insgeheim, es mögen keine dänischen Wallküren unter ihnen sein.

Den Rest des Abends verlungern wir in der Herberge oder ihrem Rundherumbereich. Ich hocke stundenlang auf einer Bank vor dem Haupteingang und lausche hin und wieder den Berichten der sich hier aufhaltenden Reisenden. Gelegentlich stecke ich Münzen in den Getränkeautomaten im Foyer, im Tausch gegen eine der seltsam-leckeren Dosen Fruchtsaftkonzentrat. Dabei treffe ich überraschend oft den anderen Wanderkumpel, der augenscheinlich ebensogroßen Gefallen an den Saftdosen findet. Wir öffnen volle Dosen an den Leeren und die Zeit verfliegt. Da draußen im gelblichen Schein der Straßenlaternen gehen Fledermäuse auf ihre geräuschlose Jagd. Im Foyer versammeln sich indes einige Pilger zum späten Gottesdienst und wir ziehen uns in den Schlafsaal zurück. Nach und nach kehrt Ruhe ein. Der friedliche Gottesdienst endet und lautes Geplapper hallt durch Hallen, Flure und Türen. Bedrohlich knurrend springt eine der Schlagerpüppis aus dem Bett, reißt die Tür fast aus den Angeln und verschwindet mit zwei, drei langen Sätzen aufgebraucht und wetternd im Getümmel. Der Rest ist Schnarchen.

Wetterbericht: Ausgesprochen wenig bis gar kein Niederschlag, dicht bewölkt.
Pilgerbericht: Schwedinnen, Schweizer, Schlagerpüppis, der Münchner, Jasmin, spanische Hausfrauen, u.v.m.
Tagesstrecke: 28
Gesamtstrecke: 171 km

Tag 7: Nachlässig, wenn nicht gar fahrlässig wäre es, schilderte man nicht jedes noch so unbedeutende Faszettelchen einer durchlittenen Herbergsnacht. Das reiche Spektrum schlafbeeinflussender Faktoren, ob nun schlafmindernder, -verhindernder, -unterbrechender, oder -beendender Natur, wäre sicher einer umfassenderen Analyse nicht unwürdig. Dabei ist die bei Pilgern sehr gegensätzlich ausgeprägte Schlaf- oder Bettaufenthaltskultur nicht zu unterschätzen.

Als ein Beispiel der vergangenen Nacht mag die brasilianische Pilgermutti herangezogen werden, aus Gründen des Anstands natürlich nur im übertragenen Sinne, die sich nicht auf so stümperhaft-profane Weise ins Bett zu legen pflegt, wie wir es tun. Sie hat sich diesen mitternächtlichen Saal voll schlaflüsterner Pilger auserkoren, um mit der lieben Verwandtschaft zu chatten, welche zu komfortabler abendlicher Stunde brasilianischer Zeitrechnung am anderen Ende der Leitung gerade zu Hochform aufläuft. Pilgermuttis Smartphone taucht den Saal in unterseeisches blaugrünes Licht und übersetzt jedes der zahlreichen Emoticons in ein anderes akustisches Signal. Ich wähne mich dieses Mal in den Mannschaftsquartieren der Nautilus, 20.000 Meilen unter dem Meer, umgeben von rätselhaften, klingenden und singenden Maschinen verborgenen Zweckes und einer Horde schnarchender Matrosen.

Als wir am nächsten Morgen völlig zerschlagen in unseren Betten liegen, erwachen im Doppelstockbett neben uns die zwei Schnarcher der Sorte „Wir quälen euch im Duett“, ein älteres Pärchen, reiben sich die Äuglein und geben beim Strecken quiekende Laute der Erquicklichkeit von sich. Als ich mich fassungslos über die Bettreling nach unten beuge, erblicke ich den geräderten Mitpilger in selbiger Verfassung(slosigkeit). Glücklicherweise gelingt es uns irgendwie, die Energie des unterdrückten Gewaltexzesses in Aufstehen, Zähneputzen, Sachenpacken und Aufbruch zu kanalisieren.

Die historische Innenstadt queren wir nun ein weiteres Mal gen Norden in Richtung der Grenze und legen unterwegs noch eine Frühstückspause ein. Mein Wanderstab lehnt währenddessen an der Wand neben der Eingangstür zum Café und lässt sich später von mir vergessen. Nach nur einem gemeinsamen Wandertag gehen bzw. stehen wir getrennte Wege, aber immerhin half er mir über die Portela Grande.

Befestigungen von Valença

Befestigungen von Valença

Bald erreichen wir die hoch über dem Urstromtal gelegene, dem Fluss zugewandte Seite der befestigten Innenstadt. Umgeben von meterdicken Mauern, Türmchen, Zinnen und Scharten lassen wir unsere Blicke schweifen. Da ist eine der Architektur des Eiffelturms ähnelnde Eisenbahnbrücke über den Minho und die nicht minder befestigte, spanische Stadt Tui, die sich durch seltsame Fügung der Zeitverschiebung bereits eine Stunde in der Zukunft befindet. Durch das Nordtor verlassen wir endgültig Valenças Festungsanlage, übrigens ohne uns mit der für ihre unvergleichliche Qualität gerühmten lokalen Frotté-Ware eingedeckt zu haben, und laufen hangabwärts in Richtung der Grenzbrücke. Unterwegs erkundigt sich Martin bei einem bergradelndem Spanier nach einem Briefkasten, denn es muss baldigst ein Postkartenbericht an einige geschätzte Hobbitsens versendet werden.

Internationale Brücke über den Minho

Internationale Brücke über den Minho

Die Brücke erweist sich als eine zweigeschossige Konstruktion mit Fußgängerstegen und Autofahrbahn, überdacht von einer darüber errichteten gleisführenden Eisenträgerkonstruktion. Bei leichtem Nieselregen überbrücken wir Fluss, Zeit- und Landesgrenze und müssen auf der anderen Seite kurz Witterung aufnehmen, um den Weg wiederzufinden. Ähnlich wie in Valença windet sich der Caminho durch enge steinerne Gassen mit teilweise erheblichem Auf und Ab. Plötzlich und unerwartet stehen wir vor der Kathedrale der ehem. Bischofsstadt und lassen ein „Ja Halloooo!“ der schwäbischen Hausfrauengruppe über uns ergehen. Wir legen einen Schritt zu und überholen dabei diverse andere Pilgergrüppchen.

Kathedrale von Tui

Kathedrale von Tui

Als wir endlich alle abgehängt wähnen, befinden wir uns nicht mehr auf dem Caminho, denn wir haben uns verlaufen. Dies beweist vorzüglich, dass sich echter Pioniergeist nicht durch ausgelatschte Caminen beeindrucken lässt und in kleinen Unachtsamkeiten befreiende Aus- bzw. Neuwege findet. Als wir uns bei einheimischen Passanten nach einer Alternativroute zurück auf den Camino erkunden, empfiehlt man uns ausnahmslos die Rückkehr zur letzten Wegkreuzung, um dann richtig abzubiegen. Nicht ohne inneren Widerstand folgen wir dem Rat, hauptsächlich zugunsten unserer strapazierten Fußorgane. Die Aussicht auf neuerliche Begegnung mit schwäbischen Hausfrauengruppen lässt mich kurz ausfallend werden. Das euphorisierende Odeur meines T-Shirts verhindert jedoch schlimmere Ausbrüche und bald schon wandern wir den Caminho wieder kichernd unserem Tagesziel entgegen.

Wir verlassen Tui. An der Quelle Santo Domingo widerstehe ich nur schwer der Versuchung mich hineinzuwerfen, um die Mutationsrate meines T-Shirts anzukurbeln. Vorbei an Klöstern, Kirchen und Kapellen, deren Namen nichts zur Sache beitragen, wandern wir Kilometer um Kilometer auf Fußwegen entlang wenig befahrener Landstraßen durch Wald, unter- oder überqueren die A55 oder setzen auf mittelalterlichen Brücken über Fließendes hinweg. Aufzuführen wären hier die Ponte das Febres, hier starb der arme Wanderer San Telmo im April 1251, oder die uralte Steinbrücke von Orbenlle fragwürdiger Stabilität, deren untergründiges Gurgeln selbst den Tapfersten zu grausen vermag.

Brücke von Orbenlle

Brücke von Orbenlle

Hinter Orbenlle erstreckt sich das weite Industriegebiet von O Porriño, dessen Anmut in Liedern und Gedichten gerühmt und für alle Zeiten überliefert wurde. Es gibt auf dem Caminho nichts auch nur annähernd Vergleichbares. Wir fühlten uns bestenfalls an eine lange zurückliegende Wanderung durch Burgos auf dem Camino Francés erinnert. Auch damals mussten wir eine Bar aufsuchen, um die aus 10.000 Schritten durch glanzvolle Einöde resultierende Euphorie etwas zu bremsen … um nicht überzuschnappen. An den Namen der hiesigen Bar habe ich weder Aufzeichnungen noch Erinnerung, lediglich der Junge hinter der Bar hinterließ einen bleibenden Eindruck. Er konnte sich nur einen Gegenstand einer Sammelbestellung gleichzeitig merken, so das Wort „gleichzeitig“ hier überhaupt Anwendung finden darf. Hatte man den ersten Café bestellt und ging dann zu Nummer 2 über, hatte er den zuerst bestellten Café vergessen. So zog sich die Bestellung hin und wir verzichteten auf ein größeres Gelage, um die Weiterreise nicht um Tage hinauszögern zu müssen.

In O Porriño beschließen wir bis Mos weiterzulaufen. Auf einer Parkbank werden die Füße ausgepackt und mit magic-hirschtalg-potion für weitere 6 km konditioniert. Solch ein Spaziergang erfordert eine äußerst sorgfältige Dosierung, um nicht kilometerweit über unser heutiges Tagesziel Mos hinauszuschießen. Der Caminho und die A 55 verlaufen im Norden O Porriños endlich nicht mehr parallel und bald geht es wieder auf kleinen Sträßchen und Wegen über Land und durch kleinere Vororte.

Füße vor der Hirschtalgsalbung

Füße vor der Hirschtalgsalbung

Bald schon erreichen wir Mos und finden die kleine Herberge voll belegt vor. Pilger gaffen aus den Fenster und hängen nasse Handtücher über die Fensterbrüstungen. Der Hospitalero, gleichzeitig Betreiber einer kleinen Bar gegenüber der Herberge, schließt uns den ebenerdigen Keller auf. Tatsächlich erblicken wir dort im flackernden Neonlicht der Deckenbeleuchtung fünf blaue Matten auf dem grauen Betonboden. Der große Raum ist trocken und ruhig, also fackeln wir nicht lange und richten uns hier für die Nacht ein. Anschließend schlappen wir durch den Ort und warten auf den Koch des Dorf-Restaurants, der erst gegen Abend eintreffen soll. Bis dahin halten wir uns mit Knabbersachen und Bier mehr oder weniger hin. Das Warten lohnt sich, denn irgendwann gibt’s schmackhaftes Abendessen.

Freizeitfuß

Schlappen durch Mos

Zurück im Schlafkeller zeigt sich, dass noch zwei weitere Matten belegt sind. Die Neuankömmlinge sitzen mit all den anderen Pilgern drüben in der Bar und bestellen eine Flasche Wein nach der anderen. Immer lauter und trubeliger wird es, als ich mich kurz nach Draußen begebe um ein Pfeifchen zu rauchen, winken einige herüber, wollen dass wir uns anschließen. Mir steht der Sinn eher nach Löcher in die Luft starren als mich zu betrinken und ich winke ab.

Eine der Neuankömmlinge entpuppt sich den nächtens als Schnarcherin der Kategorie „Tod durch Ersticken“ und wird dabei sonor von der Heizungsanlage begleitet, deren metallene Eingeweide einen kleinen Nebenraum fast komplett ausfüllen. So oder so ähnlich muss es in der dritten Klasse der Titanic zugegangen sein und ich frage mich, warum Herbergsnächte so oft maritime Assoziationen wecken. In den akustischen Interferenzen eines vibrierenden Gaumensegels und eines dröhnend-stampfenden Retroaggregats suche ich vergeblich nach Symmetrie als Martin der Finsternis recht Bedrohliches anvertraut. Es sind schwer verständliche Fragmente, aber es hört sich an wie „… Matte an allen vier Enden packen … vor die Tür schleifen …“. Der letzte Gedanke des Tages.

Wetterbericht: Ein verhältnismäßig trockener Tag ohne die liebgewonnenen Erfrischungen.
Pilgerbericht: Schnarchende Italienerin u.v.a.
Tagesstrecke: 25,7
Gesamtstrecke: 143 km

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Tag 6: Es ist 6 Uhr 30 min. Das Deckenlicht wird angeknipst. Seit ungefähr einer Stunde rumoren Frühpilger im Halbdunkel umher und sehen sich nun erst recht legitimiert, so richtig auf die Pauke zu hauen. Martin brummelt ein paar undeutliche, aber ganz klar kritische Laute, dann vollzieht er eine 180°-Luftrolle um die Vertikalachse, dass es nur so knarzt. Ein echtes Kunststück, wenn man in einem Schlafsack steckt.

Ein eigentlich tadelloser Morgen, würde man den bislang ausbleibenden Regen nicht in unsere Glücksquantifizierung einbeziehen. In weiser Voraussicht habe ich gestern Abend einen erklecklichen Vorrat halb-feuchter, müffender Wäsche im Trockenraum konserviert, die Qualität des TROCKENraums durchaus korrekt einschätzend. Auch um neue Blasen werde ich mich nicht mehr sorgen müssen, denn die offenbar zellulosehaltigen Sohlen meiner Wanderschuhe sind irreversibel aufgequollen. Die durch hunderttausend Schritte liebevoll geformten Ebenbildprofile meiner Fußsohlen sind nicht mehr. Sicher waren Elbow einst pilgern als sie dichteten: „the way the day begins decides the shape of everything“.

zeitzeit

Spät finden wir zurück auf den Caminho Portugues und lassen sogar das benachbarte Café-Domizil rechts liegen. Schließlich sind wir keine Leichtpilger. Ponte de Lima verliert zunehmend an Besiedelungsdichte und schon sind wir wieder auf ländlichen Wegen unterwegs. Ein „nicht entschärfter“ Hohlweg durch Weinlaubvegetation vertreibt die letzten Spuren morgendlicher Benommenheit. Unterbewusst haben wir uns wohl für die Alternative zur Rad- und Schlechtwetterwegvariante entschieden. Als die ersten schweren Tropfen in die uns umgebenden Wasserlachen platschen begrüßen wir das schöne Wetter mit ungebändigten Jauchzern der Freude. Endlich, der erhoffte Starkregen setzt ein. Martin sammelt das herabströmende Wasser in seiner Rucksackregenhülle, um den Nasse-Unterbuxen-Effekt bestmöglich zu intensivieren.

Regenspiegel

Nach etwa 8 km gelangen wir Über die kleinen Ortschaften Arcozelo und Devesa nach Codecal wo wir eine kleine Rast einlegen. Es gibt hier einen kleinen Laden und wir erstehen Bocadillos und Orangensaft. Vor dem Laden sitzen wir in Plastikstühlen und lauschen dem Geplapper einer ebenfalls rastenden Pilgergruppe. Es hat aufgehört zu regnen … wie unpassend. Glücklicherweise passieren wir 2 km weiter den Brunnen Fonte das Três Bicas und ich kann mein stinkendes, dabei aber beinahe getrocknetes T-Shirt wieder einweichen. Martin versucht Herr eines Lachkrampfes zu werden, ohne Erfolg. Möglicherweise wirken die sich kontinuierlich bildenden organischen Verbindungen meines desintegrierenden T-Shirts toxisch.

Der Weg führt weiter durch Eukalyptuswald und erklimmt nun eine beachtliche Anhöhe. An einigen Stellen scheint sich der Weg in einen kleinen Gebirgsbach zu verwandeln, was meiner Fußausrüstung nichts mehr anhaben kann. Auf einmal versperrt uns ein umgeknickter Eukalyptusbaum den Weg und ich beschließe, diesen Baum fortan als Wanderstab zu nutzen. Mithilfe Martins McGyver-Messers gelingt es in wenigen Minuten, den Baum auf ein handliches Maß zurechtzustutzen. Wir setzen die Wanderung fort und ich schwinge mich neu bestabt über Fels und Pfütz.

Cruz

Wir erreichen endlich die etwa 400m hohe Hügelkuppe „Portela Grande“ und passieren eine mit allerlei Devotionalien geschmückte Geröllhalde, die einem mit Wimpeln, Stofffetzen, Fotos, Kettchen und Steinen verzierten Betonkreuz rätselhaften Angedenkens als Fundament dient. Auf einer Kupferplakette lesen wir: „Remember Michelle Kleist. She loved the Pilgrim Walk and hoped to complete many more before being tragically killed in a plane crash at Moree, Australia on 30 March 2011. Greatly loved and greatly missed.“ Betroffen halten wir inne und lauschen den Stimmen und Stimmchen des Waldregens. Erst spätere Recherchen ergeben, dass es sich bei dem Kreuz um das Cruz dos Franceses handelt. Hier gerieten Napoleons Truppen während der Besatzungszeit einst in einen Hinterhalt. Wir dagegen hatten nochmal Glück und konnten unseren Weg unbehelligt fortsetzen.

Nach ein paar hundert Metern erreicht der Weg eine große Waldeslichtung und folgt dem steil abfallenden Hügelrücken in ein wolkenverhangenes Tal. Wir steigen ab und finden zu unserer großen Überraschung eine Einkehrmöglichkeit gleich am Eingang eines kleinen Dörfchens. Der teilweise überdachte Hof eines üppigen bäuerlichen Anwesens wurde mit Stühlen und Tischen möbliert, die Einfahrt mit einer Imbissbude ausgestattet. Wie üblich bei solch herrlichem Wetter werden nasse Sachen abgelegt und zum trocknen aufgehängt. Ich frage den stolzen Besitzer des Anwesens nach der Toilette und erhalte sogar den Haustürschlüssel. Ich solle einfach hineingehen, die Toilette wäre dann linkerhand. Ich gehe ins Haus und staune über das geräumige Eingangsportal und die dahinterliegend Halle mit Freitreppe. Die Toilette ist fürstlich ausgestattet und dient dem kurzen Auftritt eines nassen Klumpatschs als illustre Bühne. Flokati, Plüsch und Badeutensilien zurücklassend begebe ich mich wieder in den Hof, lobe den Besitzer für das eindrucksvolle Haus und bestelle Frühstück. Er nimmt die Bestellung entgegen und fragt wörtlich „Die Häuser in Galicien sind größer als in Deutschland, stimmts?“. Ein Schalk er sei oder auch nicht, wir bejahen nachdrücklichlichst. Daraufhin schlendert er grinsend und vielleicht in seiner Annahme bestätigt zurück zur Imbissbude.

Abstieg

Auf auf schmalen Pfaden, Sträßchen und Hohlwegen wandern wir über Cabanas, Águalonga und S. Roque bis nach Rubiaes und es liegen etwa 17 km hinter uns. Als wir an der öffentlichen Herberge vorbeikommen, handele ich einen kurzen Zwischenhalt aus. Tief beeindruckt von der jüngst beschriebenen Flokati-Toilette blieben leider auch gewichtige Dinge unerledigt und schnelles Handeln ist nun erforderlich. Die Tür der Herberge ist unabgeschlossen und schnell sind die vor Sauberkeit blitzenden Sanitäranlagen lokalisiert. Dennoch seltsam, diese gut eingerichtete und nicht gerade kleine Herberge völlig verlassen vorzufinden. Auf dem Weg zum Ausgang hallen meine Schritte auf schier unheimliche Weise durch die verwaisten Gänge und ich beeile mich, ins Frei zu gelangen.

Nach weiteren 16 Kilometern erreichen wir unser Tagesziel Valença. Wir unterqueren eine Eisenbahnbrücke, laufen über einen großen brachliegenden Platz und bewältigen einen nicht unerklecklichen Anstieg durch eine Plattenbausiedlung. Die Herberge liegt inmitten eines zumindest im Augenblick wenigbefahrenen Kreisverkehrs. Die Ausstattung wirkt ganz annehmbar und so lassen wir uns nach der üblichen Registrierung von einer Hospitalera durch das Haus und in den Schlafsaal führen. Rasende Püppi ist wie immer schon da, ebenso die Schlagerschwestern und einige uns noch unbekannte Pilger. Wir hängen unsere nasse Sachen zum trocknen auf, natürlich nur zum Schein, gehen duschen und hängen knüllig in unseren Doppelstockbetten ab.

Da sich wenig später Herr Hunger meldet hilft alles nichts, wir müssen Nahrung beschaffen. Martin ist mit der lokalen Geographie aufgrund eines früheren Aufenthalts mit einer Gruppe Hobbitsens bestens vertraut und weist sicher den Weg in die historische Innenstadt. Umgeben von hohen Festungsmauern ist diese natürlich am höchsten Punkt der Stadt verortet. Hier gibt es nicht wenige Restaurants, doch keines will mir recht zusagen. Ein äußerst beredsamer Kellner verliest uns 10 Minuten lang die Speisekarte seines Restaurant und mir wird schlagartig mein derzeitiger Erschöpfungszustand bewusst. Wir flüchten, können den Kellner mit knapper Not abschütteln und landen schließlich in der Veteranenkneipe einer portugisischen Falllschirmjägereinheit. Dort bestellen wir erstmal Fisch, Wein und Schnaps. Die holzgetäfelten Wände des Gastraums sind flächendeckend mit allerlei Fähnchen, Wimpeln, Orden, Trophäen und gerahmten Fotographien geschmückt. Auf letzteren sind diverse Flugzeuge, Generäle und portugisische Fallschirmjäger im Manöver abgelichtet. An der Bar tuscheln ein paar ältere Herren mit Baretten auf den Köpfen, schwelgen sicher in Erinnerungen an das ein oder andere glorreiche Manöver. Am Nachbartisch sitzen beleibte Damen und essen Kuchen.

Tunnelgeist

Wir zahlen und begeben uns auf den Heimweg. Die nun leeren Gassen, alten Gemäuer und Pflastersträßchen sind zu dieser nächtlichen Stunde in gelblich-trübes Licht getaucht. Hier und da lungern wir noch etwas herum, erhaschen ein paar Schnappschüsse umherirrender Tunnelgeister, bevor wir uns in die trügerische Stille des Schlafsaals zurückziehen.

Ampel

 

Wetterbericht: Bis zum Nachmittag erfreulich regnerisch und stellenweise windig, gen Abend hin dagegen leider etwas zu trocken.
Pilgerbericht: wenige bekannte und neue Gesichter in Valença
Tagesstrecke: 33 km
Gesamtstrecke: 118,3 km

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Tag 5: Donnerschall rollt durch die umliegenden Täler und stroboskopische Lichtblitze erhellen die rabenschwarze Nacht. An Bettpfosten und -streben trocknende Socken, Handtücher, Taschen, Hemden und T-Shirts verwandeln sich mit jeder Funkenentladung im Strom der durchs offene Fenster dringenden Windböen in geisterhafte Puppenspieler, deren Schattenfiguren auf der Leinwand der weiß getünchten Schlafsaalwände grausam schöne Geschichten nachstellen. Draußen senkt sich ein mächtiger Regenvorhang rauschend herab und mit ihm die treue Gefolgschaft unzähliger fließender, triefender, tropfender, glucksender, träufelnder, blitschernder Wasserwesen, deren flüsternde Stimmen den Schattenfiguren an der Wand zu gehören scheinen. Jemand steht auf, schließt das Fenster und verschmilzt nach kurzem Innehalten und einem langgezogenen Seufzer wieder mit den schemenhaften Konturen eines der Doppelstockbetten. Hoffend, die Wetterunbilden mögen sich diese Nacht kräftig verausgaben und uns morgen nicht behelligen, gleite ich in tiefen Schlaf.

7 Uhr, Hämo-V und die Anderen sind schon längst auf den Beinen und stopfen entschlossen Siebensachen in Rucksäcke. Irgendwo knistern und knatastern böse Menschen laut mir Plastiktüten, oder lassen sich böse Plastiktüten von Haspel-fingrigen Menschen knistern und knatastern. Martin ächzt in der unteren Bettetage und zeigt sich wohl uneinverstanden mit der allgemeinen Aufbruchstimmung. Liegenbleiben hat keinen Sinn mehr, wir kraxeln schließlich doch aus den Betten und begeben uns wenig später mit gepackten Sachen und blankgeputzten Gebissen hinab ins Erdgeschoss. Schnell ziehen wir zwei Becher Kaffee an einem der in Pilgerherbergen sehr seltenen Münzautomaten und Martin spendiert Müsliriegel. Wir wollen nun endlich los, doch das Hauptportal ist verschlossen. Richtig, der Hospitalerowird erst in einer Stunde erwartet aber wir stürzen, einem plötzlichen klaustrophobischen Impuls folgend durch die Hintertür ins Freie und retten uns über einen niedrigen Zaun auf die Straße.

Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet zum Glück nicht mehr. Wir laufen ein paar Schritte und es beginnt zu regnen. Der Regen beginnt eigentlich nicht, er plätschert sturzflutartig vom Himmel und der sanfte Übergang von Vor- zu Jetztwetter wurde irgendwie herausgeschnitten. Wir erreichen eine unbelebte Hauptstraße und folgen dieser ein paar hundert Meter, bevor wir nach links abbiegen und einen schlammigen Platz queren. Vor einem riesigen und sicher uralten Eukalyptusbaum halten wir kurz inne und recken blinzelnd unsere Nasen in die Höhe und den Regen. Die Baumspitze ist kaum zu erkennen, sie verliert ihr Grün an die vom Boden aufsteigenden Dunstschleier und nimmt das Grau des Himmels an.

Rain Dogs

Rain Dogs (© Martin)

Außerhalb von Portela de Tamel schlängelt sich der Camino als Feldweg, oder heute vielmehr als Feldbach, durch Weinanbaugebiet, Obst- und Gemüseplantagen. Mancherorts bilden die wuchernden Weinreben natürliche Blattdächer, die mitnichten einen wirksamen Schutz vor der alles durchdringenden Nässe spenden. Ich entdecke einen Rebstock mit den besonders schmackhaften, hier eher selten vorkommenden weißen Trauben. Mit knurrendem Magen stürze ich mich auf den Rebstock und verschlinge nicht einzelne Beeren, sondern ganze Trauben. Angesichts dieser Fressorgie kann auch Martin nicht an sich halten, Traubensaft rinnt durch Kinnbärte, Schalenreste, Kerne und Traubenstengel liegen wie Strandgut verstreut an den Miniaturufern rostbrauner Pfützen und Rinnsale. Aufgekratzt durch diese hochwillkommene Zuckerinfusion setzen wir den Weg fort und durchqueren die zunehmend wasserführenden Senken im Laufschritt.

Endlich erreichen wir eine kleine Ortschaft und entern die erstbeste und vermutlich einzige Kneipe. Wir bestellen Kaffee und Bocadillos bei der etwas zu blassen jungen Dame an der Theke. Die überwiegend älteren Herren, die sich hier aufhalten, zeigen sich unberührt ob unserer Erscheinung oder lassen sich einfach nichts anmerken. Auch die sich um uns herum ausbreitenden Wasserlachen auf den Bodenfließen werden nicht mit Aufmerksamkeit honoriert was mich dazu ermutigt, aus den schmatzenden Flößen zu steigen, die einmal meine Schuhe waren und die Socken auszuwringen. Da sich niemand mokiert, entledige ich mich auch dem Rest meiner klatschnassen Sachen, bis auf Hose und T-Shirt versteht sich, und wechsele auf der nicht gerade geräumigen Toilette in die letzte mir verbliebene trockene Garnitur. Dies sollte der vorerst letzte Tag unserer Wanderung sein, an dem ich trockene Wäsche als angenehm empfinde.

(© Martin)

Aufgewärmt, gestärkt und halbwegs trockenen Fußes setzen wir die Reise fort, stets misstrauisch den grauen Himmel beäugend. Hoffnungsvoll laufen wir ein paar Meter als unvermittelt Starkregen einsetzt. Die Stimmung ist gedämpft bis angespannt und entlädt sich jäh in der Nähe eines Bildstocks, als Martin sich anschickt einen offenen Schnürsenkel zu befestigen. Die bisher unerkannt gebliebene Fehlkonstruktion seiner Rucksackregenhülle verhindert das Ablaufen eingedrungenen Regenwassers. Infolgedessen ergießen sich mehrere Liter frischen Regenwassers während des Bückvorgangs direkt in Martins Hosenboden, was infernalisches Geschrei und eine wohlfeile Auswahl der allerschlimmsten Flüche hervorruft. Die letzte trockene Wäsche ist passé und es liegt noch ein weiter Weg zwischen uns und dem heutigen Tagesziel.

Letzthin schlagen wir uns Seemannslieder und „row, row, row your boat“-Kanons singend doch noch bis Ponte de Lima durch. Das trutzig mittelalterlich wirkende Städtchen, so munkelt man, ist eine der ältesten Siedlungen Portugals und wurde von den Römern einst als Garnison zum Schutz der hier verlaufenden alten Handelsstraße gegründet. Wir folgen dem Verlauf einer breiten und überdimensioniert anmutenden Platanenallee in die Stadtmitte. Um einen nassen Faden wäre es von belangloser Natur, das unablässige Strömen des Landregens und den Zustand unserer nunmehr funktionslos gewordenen Funktionsbekleidung zu erwähnen, würden diese Umstände nicht die fassungslosen Blicke veranschaulichen, die wir nun stumm auf die Frau in der Touristeninformation richten. Freundlich, fast mitleidig klärt die uns darüber auf, dass die öffentliche Herberge erst in 3 Stunden in Tore öffnen soll. In Ansätzen resigniert ersteht Martin ein paar Postkarten und Briefmarken, während ich meinen nassen Klumpatsch von Strohhut besorgt auf möglicherweise schon vorhandene frische Triebe hin untersuche.

Bei Verlassen der Touri-Info, die in einem alten Wachturm untergebracht ist, treffen wir draußen auf eine kleine Pilgergruppe. Nach einer Stadtbesichtigung steht uns jetzt eher nicht der Sinn, also queren wir den Fluss Lima über eine mittelalterliche Steinbrücke in Richtung der Herberge und hoffen, die Zeit bis zur Öffnung in einer Kneipe, einem Café, hauptsächlich an einem trockenen Ort vertrödeln zu können. Praktischerweise befindet sich gleich neben der Herberge ein Café, das wir schnell durch eine der trotz des Wetters weit geöffneten Flügeltüren betreten. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelt sich einer der Tische in eine Geröllhalde nasser Jacken, Hosen, T-Shirts, Socken, Schuhe, Einlegesohlen, Handtücher, Rucksackregenhüllen, Reiseführer, Kameras, Tüten und anderer Gegenstände. Nasse Wäsche wird gegen weniger nasse Wäsche gewechselt und dann bestellen wir Tee, Kaffee und Sandwiches. Auf einem Wand-TV läuft Fußball.

Später trifft ein schwedischen Ehepaar ein und setzt sich an einen Nachbartisch. Sie berichten kurz von ihrer bisherigen Reise und wir von der unseren. Dann ist es auf einmal soweit, die Herberge öffnet und wir sind die ersten an der Rezeption. Ein Mädchen nimmt unsere Personalien auf und bittet uns dann im Vorraum auf den Hospitalero zu warten. Ein älterer kleiner fast kahlköpfiger und sehr behender Mann eilt herbei und öffnet das große eisenbeschlagene Tor, durch welches wir ins Innere des Heiligtums gebeten werden. Das ist keine Herberge, das ist ein Tempel der kristallinen Reinlichkeit, des frisch getünchten Kalks, des ölpolierten Holzes und fugenreinen Steins. Der Hospitalero führt uns durch die gemeinschaftlich zu nutzenden Räumlichkeiten, dabei deren Zweck erläuternd und nicht ohne Stolz deren erlauchten Zustand betonend. Diese Einrichtung kennt weder Sockenschmauch und Pfeifenrauch, noch Fettränder und Schweißbänder, noch Ohrenschmalz und Achselsalz. Wie die ersten Menschen laufen wir taumelnd umher, erklimmen Stufe um Stufe und erreichen schließlich trunken den olympischen Schlafsaal im höchsten Stockwerk. Ungefähr 30 bis 40 Holzbetten mit blauen Plastikmatratzen reihen sich in gleichmäßigem Abstand aneinander. Mit einem Blick, der innere Zwiespalt erahnen lässt, ob man uns unbeaufsichtigt zurücklassen kann, weist uns der Tempelherr die Betten 1 und 2 zu. Danach macht er sich an den Abstieg, um weitere Pilger hinauf in den gelobten Saal zu führen.

(© Martin)

Einige Zeit später sind alle Betten vergeben, einige Pilger ruhen auf ihren Matratzen, andere unterhalten sich oder packen irgendwelche Dinge aus und ein. Martin ist duschen und ich hocke untätig auf meinen Bett, als sich die zwei Schweden plötzlich anschicken, ihre Betten aus deren Urposition heraus zu verschieben, um offenbar eine Art Ehebett zu bauen. Holzbeine schrammen quietschend auf gebohnertem Holzparkett und als die Betten in der ihnen artfremden Position zusammenfinden, bewunderten das schwedische Paar ihr Werk und sahen dass es gut war. Doch die Geräusche blieben nicht unerhört, hastig eilt jemand die Treppe herauf und der Hospitalero betritt hektischen Blickes den Saal. Entsetzt stürzt er sich in Richtung der Schweden, lauthals „No!“, „Why!“, „Oh Why!“, „Why are you doing this!“ schreiend. Das nicht weniger entsetzt und dazu noch hilflos wirkende Pärchen weicht Schutz suchend hinter ihr neues Doppelbett zurück. Der verständnislose Herr über Sinn und Ordnung indes teilt die Betten und befördert sie mit einer Kraft, die ich ihm wirklich nicht zugetraut hätte, wieder zurück an die ihnen einst von höheren Mächten zugeteilten Plätze. Kopfschüttelnd und um Jahre gealtert geht er von dannen und lang noch geistert das Echo „No!“, „Why!“, „Oh Why!“, „Why are you doing this!“ durch die kristallinen Räume des Tempels und die verworrenen Denklabyrinthe seiner Bewohner.

Bei Einsetzen der Dämmerung wagen wir uns nach Draußen. Überraschenderweise fällt kein Regen. Die alte Steinbrücke führt nicht mehr über den Fluss Lima wie bei unserer Ankunft. Mit an der Reling aufgepflanzten orange glühenden Fackeln kreuzt sie einer Galeere gleich durch den blau nuancierten Malstrom des Windes, Wassers und der Sedimente. Auf der anderen Flussseite angelangt trotten wir auf der Suche nach einem Restaurant ziellos umher. Martin erleidet eine Art Schwächeanfall, was hauptsächlich auf akuten Super Bock Mangel zurückzuführen ist, aber auch die letzte feste Mahlzeit liegt schon eine Weile zurück. Auch ich schwächle und verliere stolpern ab und an meine Badelatschen, was eigentlich eine Wohltat ist, denn sie wurden nicht für blasengeplagte Füße auf längeren Stadtrundgängen konzipiert. Dann finden wir eine Bar und bestellen endlich die dringend erforderlichen Rationen. Die kleine Tochter des Inhabers dreht währenddessen die Lautstärke des Fernsehers auf ein schwer erträgliches Maß. Wir bestellen mehr Bier.

(© Martin)

Noch haben wir keine Lust in den Pilgertempel zurückzukehren und setzen uns nochmal in die Kneipe nebenan. Hämo-V sitzt am Tisch einer Frauengruppe und redet in erstarrter Körperhaltung auf eine der Damen ein. Verkrampft hält sie eine Gabel in der Rechten und ihr Blick hüpft unentschlossen zwischen Hämo-V und dem aufgespießten, erkaltenden Happen hin und her. Ich bezahle unsere Zeche und bekomme mein Trinkgeld in Form eines Schokoladenriegels erstattet. Trinkgeld ist aus irgendeinem Grund nicht erwünscht.

Die Nacht im Schlafsaal verläuft ereignislos, sieht man von einer stundenlangen Wahlkampfveranstaltung der kommunistischen Partei mit schmetternden Märschen und ausschweifende Bühnenrednern direkt vor der Herberge, den endlosen Schnarcharien der Schweden und einer herumgeisternden Gruppe von Stirnlampenträgern ab. Martin wirft sich in hohen Bögen murrend und fluchend von einer auf die andere Seite der dabei laut quietschenden Plastikmatratze. Im Halbdunkel meine ich Menschen zu erkennen, die wie ich benommen auf ihren Matratzen sitzen und sich fragen, warum das alles. Weil mir keine vernünftige Antwort einfällt, ereilt mich in einer frühen Morgenstunde doch noch ein gnädiges Wachkoma.

Wetterbericht: Nieselregen, Landregen, Starkregen, Platzregen, Überraschungs- bzw. Hinterhaltregen
Pilgerbericht: Hämo-V, Stirnlampensippe, Schweden, u.v.a.
Tagesstrecke: 24,3 km
Gesamtstrecke: 85,3 km

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Tag 4: Jaulende Hunde, jodelnde Katzen, quietschende Reifen, heulende Motoren und knarzende Plastikmatrazen bevölkern die universale Stille des nächtlichen Rates, so wie man sie nur auf dem Lande und fernab unserer achso gerühmten Zivilisation vorfindet. Universale Stille führt sie herbei, die sogenannte Pilgersomnambulanz, aus welcher man stets zu frühester Morgenstunde wohlerschöpft und mit einer frischen Portion Wahnsinn erwacht.

wasserpause

Wasserpause (© Martin)

Gegen 6:00 Uhr sind wir wieder unterwegs, wenn auch leicht benommen, und laufen gen Norden, über Feldwege, durch Eukalyptus-Wald, entlang uralter moosgrüngrauer Steinmauern, hinter denen Weinstöcke, hochstieliger Kohl und Mais gedeihen. Auf einer der Mauern steht ein in Tarnfleck gewandeter Portugiese und hält mit einer doppelläufigen Schrotflinte eine Hundertschaft Maispflanzen in Schach. Wir passieren grüßend, futtern im weiteren Verlauf Unmengen weißer Weintrauben und vernehmen dann einen in der Ferne verhallenden Schuss.

Einkehr in Café Antonio Pedra Furada, drinnen sitzen Zahnspange, rasende Püppi, der Graue und diverse Einheimische. Wir bestellen Napfkuchen, Riesensandwiches und sehr guten Kaffee. Wieder unterwegs, der Weg schlängelt sich durch dünn besiedelte Kulturlansdschaft, Felder und Wäldchen. Ein Pickup mit aufgeschnalltem Riesenmegafon folgt uns auf dem Fuße und beschallt einen ca. 100 km umfassenden Perimeter mit kommunistischen Wahlkampfparolen und einem alten portugisischen Schlager.

Barcelos_Bruecke

Brücke über den Rio Cávado

Erreichen die Stadt Barcelos über eine mittelalterliche Brücke und peilen direkt die erhabene Ruine des Palastes „Paco dos Condes“ auf der anderen Seite des Flusses Cávado an. Neben der Palastruine gibt es ein Freilichtmuseum mit alten Säulen, Grabplatten und Gemäuern. Ein guter Ort für eine Rast, ein Pfeifchen und die Geschichte vom „gebratenen Hahn“.

Der Legende nach wurde einst ein galicischer Pilger zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt und zum Tode durch Erhängen verurteilt. In einem letzten Plädoyer vor dem Richter, der gerade beim Festmahl saß, versicherte der Verurteilte: „Es ist so sicher, dass ich unschuldig bin, wie dieser Hahn krähen wird, wenn man mich hängt.“ Man erhängte den Pilger und der Hahn stand wie vorhergesagt auf und krähte. Der Pilger wurde sofort vom Strick genommen und überlebte dank einer locker gebundenen Schlinge. Er verließ die Stadt unversehrt und kehrte nach langer Zeit zurück um aus Dankbarkeit für sein Überleben der Schutzheiligen Jungfrau Maria ein Kreuz zu errichten.

Hühnchen

Wie auch immer es sich zugetragen haben mag, heute gilt jener Hahn als ein nationales Wahrzeichen in Portugal und wird vielerorts als Ton-, Holz- oder Zinnfigürchen feilgeboten aber auch als Brathahn. Nach einer ausgedehnten Pause laufen wir weiter in Barcelos‘ Stadtzentrum, erwerben Postkarten und suchen anschließend das dafür zuständige Amt. Während ich auf einer Mauer sitze und die müden Beine baumeln lasse, segnet oder verflucht eine in der Nähe sitzende alte Frau wahlweise aber lauthals Passanten, je nachdem wie viele Münzen diese in ihr Körbchen werfen. Martin wird unterdessen als Landsmann erkannt und setzt seinen Weg fortan erhabenen Hauptes als Portugiese fort.

© Martin

Parteizentrale (© Martin)

Barcelos großzügig angelegte Plätze, mittelalterliche Flussbrücken, Stadthäuser, Kirchen und Platanenalleen liegen hinter uns, wir passieren die Zentrale der Kommunistischen Partei am Librationspunkt zwischen historischer Stadtmitte und suburbanem Raum mit eher klotzigen Wohnsilos. Es geht leicht bergauf und siehe da, hier wurde ein sogar ein Fußballstadion errichtet, Heimat des Gil Vicente FC, einem portugisischen Erstligisten mit einem Brat- äh Hahn im Wappen, der Recherchen zufolge eine Zeit lang von Ordensbrüdern geführt und von einem Pfarrer namens José Maria Furtado aus einer finanziellen Krise geführt wurde.

Videira (© Martin)

Videira (© Martin)

Wir verlassen endgültig städtische Gefilde und durchwandern Hügelland, vorbei an kleinen und größeren umzäunten Grundstücken, teilweise mit Eigenheimen bebaut. An einem Zaun halten wir plötzlich inne, weil wir einen Baum mit saftigen Feigen erspäht haben, dessen längere Äste bis auf den Weg ragen. Gierig greifen wir nach den Früchten, als der Boden unter unseren Füßen rhythmisch zu schwanken beginnt. Schockwellen breiten sich ringförmig um das in unmittelbarer Nähe befindliche Epizentrum auf der anderen Seite des Zauns aus. Die Minibeben werden durch einen unfassbar beleibten Sumojungen ausgelöst, der mit Ziegenkäse und Yakmilch aufgezogenen wurde. Seinen Titanenleib abwechselnd seitlich von einem auf das andere Bein verlagernd, erzielt er durch leichtes Vorbeugen und Rotieren des Rumpfes um die Körperlängsachse einen signifikanten Geländegewinn in unsere Richtung. Uns dessen bewusst werdend, lösen wir uns aus der Schreckstarre, pflücken panisch so viele Feigen wie wir tragen können und flüchten in den Schutz des nahen Eukalyptuswaldes. In der Ferne erhebt sich Wutgeheul oder vielmehr ein kehliges Kreischen, als das ganze Ausmaß unseres Frevels erkannt ist.

© Martin

Bahngleise (© Martin)

An der einzigen Straßenkreuzung des Dörfchens Lijó unweit einer kleinen Kapelle legen wir vor der Dorfkneipe eine Super Bock Pause ein. Ausgezeichnete Gelegenheit die Füße zu entschuhen, sich in die roten, ausgeblichenen Plastikstühle zu lümmeln, das unerwartet sonnige Wetter ausschweifend zu verunglimpfen und die Entfernung bis zur nächsten Herberge zu schätzen, die wohl ca. 5 km beträgt. Die schwerste Prüfung des Tages ist der Abbruch einer nachmittäglichen Rast. Füße verkrampfen sich, Zehen bohren sich Wurzeln gleich in die ausgedorrte rötliche Erde, um nicht zurück in muffige Wanderschuhe gepresst zu werden. Nur der wundersame Hirschtalg mindert den Widerwillen auf ein erträgliches Maß.

Wir kennen die fatalen körperlichen wie moralischen Auswirkungen einer vorzeitigen Super Bock Rast und treffen die Entscheidung zu einer solchen nie leichtfertig. Oft sind Pausen das Ergebnis stundenlanger strategischer Erwägungen und seltener der spontanen Art, wie die Wasseraufnahme an römischen Zisternen, Nothalte bei anhaltenden Lachkrämpfen oder verlockenden Fotomotiven, um einige Beispiele zu nennen.

Aufstieg

Portela de Tamel

Ein letzter ungemein steiler Anstieg wird überwunden und wir erreichen die sehr neuwertig und modern eingerichtete Herberge in Portela de Tamel. Wie üblich widmet man sich nach Ankunft der Körper- und Ausrüstungspflege, humpelt umher und erkundet die Herberge oder liegt einfach nur irgendwo herum. Nach Einbruch der Dunkelheit finden wir gegenüber ein Restaurant und bestellen Vinho Verde (der nicht etwa grün ist, sondern sprudelt) nebst Füsch. Hämo-V. ist uns dicht auf den Fersen, aber wie in Rates gelingt uns auch hier eine knappe Flucht.

Portela-de-Tamel

Herberge und Kirche von Portela de Tamel (© Martin)

Nachtpipers bei der Arbeit.

Auf dem Rückweg bewundern wir das bunte Leuchtstoffröhrenkreuz auf der Kirchturmspitze und die digitalen Glockenschläge aus einer Lautsprecheranlage. Im Herbergshof ist noch Zeit für letzte Tagebucheinträge und das Beobachten einer Gruppe lokaler Wahlkampfhelfer, die sich ebenfalls hier versammeln. Dann findet ein langer Tag in die wohlverdiente Nacht.

Wetterbericht: Überwiegend bedeckt, teilweise locker bewölkt mit vereinzelten Sonnenstrahlen.
Pilgerbericht: Zahnspange, rasende Püppi, der Graue, Hämo-V., u.a.
Tagesstrecke: 25 km
Gesamtstrecke: 61 km

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Tag 3: Erst 6:30 Uhr aufgewacht und leider verschlafen, aber es ist schließlich Urlaub; geduscht, herumgelaufen und am Tisch vor dem Bungalow platziert um den gestrigen Tag im Logbuch Revue passieren lassen; 8:00 Uhr rumpelt es im Bungalow, Pilger M ist ebenfalls erwacht und zeigt sich kurz darauf am Fenster; brechen auf und laufen, Tannenzapfen vor uns her kickend über den verwaisten Campingplatz zum Hauptportal, wo wir uns ein paar Minuten, aber gefühlte Stunden gedulden müssen, bis die bereits besetzte Rezeption dann offiziell 9:00 Uhr öffnet; steuern einen Supermercado an und ergänzen Proviant (Käse, Schinken, Brot, Bananen, Trockenfrüchte und Arrufadinhas, stark gezuckerte Frühstücksbrötchen); im benachbarten Café gibt’s Milchkaffee; danach geht es richtig los; voller Elan laufen wir ca. 20m als es relativ stark zu regnen beginnt; kurzer Stop und Regenzeug angelegt; fast 10 Uhr und wir haben schon 100m zurückgelegt; auf die Verhältnisse und Tageskilometer extrapoliert, schaffen wir es heute bis an den Ortausgang Lavras.

Bungalow

O que é que se passa?

Irgendwie gelangen wir doch wieder bis zum Strand und stapfen Polarforschern gleich durch den nachgebenden Sand; allerlei Vertreter der Familie Mytilidae bzw. deren Schalen, Echinoidea-Skelette und Laminaria digitata bilden entlang des Strandes einen dichten Teppich zwischen Tidehoch- und Tiedeniedrigwasserlinie; es knackst und knirscht unter den Sohlen; ein Angler steht allein auf weiter Flur; wir finden eine Wegmarke und nähern uns einer felsigen Anhöhe, die wir bei S. Paio über nassen, glitschigen Grund erklimmen; erstarren kurz vor einem steinernen Wächter, der uns aus götzenhaften Augen anstarrt.

Felswaechter

Auf der Anhöhe erwartet uns eine kleine, an den Außenwänden mit den typischen bemalten Fließen verzierte Kapelle und ein gewisslich ergreifender Blick auf die Küste und das befelderte Hinterland im Westen; der Sturm mag die ihm trotzende Strohhutkrempe bis über die Ohren beugen und kalter Küstenregen schplatattert unablässig auf die Wanderer, doch hoch über der regenbogenschillernden Brandung erschallt plötzlich ein zweistimmiges „ALLES BESSER ALS BÜRO!!!“. Da verzagt er für einen Augenblick, der Wettterunhold.

rumoceano

Einheimischer vor der Bar Rumoceano

Schlendern durch die engen Gassen eines kleinen Piratennests, deren Einwohner sich mit wenigen Ausnahmen vor unseren Blicken verbergen; dem Geruch nach zu urteilen, leben die Einwohner vor allem vom Fischfang; bei sehr wechselhaftem Wetter legen wir alle paar 100m einen Halt ein und legen den Regenschutz an oder ab; treffen auf ein Wandererpaar aus Darmstadt, die sich der durchdringenden Nässe unter dem Blechdach einer Bushaltestelle für einen Augenblick entziehen.

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Erreichen schließlich die öffentliche Herberge in Rates und gelangen durch das Haupttor in einen schmucken Innenhof mit Museumsglasfassade; dahinter ausgestellt stehen alte Landwirtschaftsgeräte. Über eine kleine Treppe erreicht man den Eingang des Haupthauses und drinnen die vereinsamte Rezeption. Dort, auf einem Holztisch, liegen das Gästebuch und für die Entrichtung eines Obolus eine kleine Spendenkiste. Während wir uns eintragen, verwickelt uns ein Wanderer mittleren Alters aus D. in ein Gespräch und behauptet er könnte unser Vater sein. Ungeachtet der möglichen Motive und Möglichkeiten, die ihn zu einer solchen Aussage bewogen haben mögen, erkunden wir zuerst einmal nachdenklich die Schlafräume und belegen ein Doppelstockbett in einem davon. Wir teilen uns das 12-Bett-Zimmer mit jenem rätselhaften Wanderer und einem älteren walisischen Pärchen das aber in Spanien leben. Anschließend wird geduscht, Wäsche gewaschen und geruht.

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Indess nimmt das Schicksal seinen Lauf; arglos verlasse ich kurz den Schlafsaal und erfahre im hübschen Innenhof telefonierend von meiner bevorstehenden, nun auch ärztlich beglaubigten Vaterschaft. Währenddessen ereilt Martin drinnen großes Unheil, denn der rätselhafte Wanderer beschreibt ihm ungefragt und in farbenfroher Ausschmückung jedes pikante Detail seines Hämorrhoidenleidens. Als ich zurückkomme, um stolzen Fußes meine Neuigkeit zu verbreiten, bietet sich mir ein Bild des Grauens. In einer Ecke des Zimmers steht der Wanderer, einen Arm wie einen Handschlag initiierend vor sich erhoben und den Blick starr auf unser Doppelstockbett gerichtet und im selbigen liegend einen völlig paralysiert blinzelnden Martin, einen wahnwitzigen Urschrei mit letzter Kraft unterdrückend. Ich verkünde meine frohe Kunde hinein in die Stille jenes Raumes, der mir bei unserer Ankunft noch recht behaglich erschien.

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Die Aufnahme einer wohldosierten Menge Alkohols vor der Nachtruhe erscheint uns heute Abend aus verschiedenen Gründen unumgänglich. Laufen durch den Ort und finden eine modern eingerichtete Bar mit coolem Wirt, der uns Essen und Super Bock in eisgekühlten Aluminiumkelchen serviert, aber auch über die bevorstehenden Regional- und Landtagswahlen informiert. Auf mehreren großen Flachbildschirmen läuft ein Fußballspiel. Später lädt uns der Wirt zu Portwein und sogar selbstgebranntem Schnaps ein, da Martin ihm glaubhaft meine zukünftige Vaterschaft vermitteln kann. Der Wanderer hat die Bar und uns leider entdeckt, nimmt am Nachbartisch platz und wir machen uns aus dem Staub. Der Wirt schenkt mir zum Abschied eine kleine Flasche, gefüllt mit einer glasklaren, elicht zu schwenkenden Flüssigkeit. Laut Flaschenetikett handelt es sich um Birnensaft.

Auf dem Treppchen zum Haupthaus stehen mehrere angesäuselte Pilger und lauschen den Erzählungen des alten Walisers, während der Rauch unserer Abendpfeifchen über den Innenhof wirbelt und sich gleich dieses denkwürdigen Tages in Nichts auflöst.

Wetterbericht: Nieselregen, Gischtregen, Starkregen, Sprühregen, Landregen.
Pilgerbericht: Darmstädter, Waliser, Hämo-V.
Tagesstrecke: 24 km
Gesamtstrecke: 36 km

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Tag 2: Gegen 5 noch vor dem Weckerklingeln erwacht; Katzenwäsche, Rucksack packen, jeder Handgriff sitzt; 6:30 Uhr Frühstück und dann gegen 7 mit dem Shuttle wieder zum Terminal 1 gefahren; Punkt 7:15 großes Hallo mit Martin am Lufthansa-Schalter; Check-In, ein kurzer Stand-Kaffee und rein ins Flugzeug; Es folgt ein angenehmer Flug aber durch einen leichten Schnupfen misslingt meinem linken Ohr während des Landeanflugs der Druckausgleich mit der Folge einer leichten Ohnmacht; Nach der Landung ist dieses Ohr taub und Martins an mich gerichtete Worte durchdringen kaum den unsichtbaren Schleier meiner neu erworbenen Fähigkeit weniger zu hören;

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Wir verlassen das moderne Flughafengebäude Portos, orientieren uns am Stand der Sonne und nehmen Witterung auf, denn vor allem müssen wir in Richtung Atlantik laufen; Die Luft schmeckt aber gar nicht salzig und die Sonne verbirg sich hinter einem Wolkenschleier, also richten wir uns nach Martins ausgedruckter Google Maps-Karte und einem Mini-Kompass; Ich verliere meinen Strohhut, aber ein Taxifahrer folgt uns mit dem Hut, sehr anständig!; Entlang einer viel befahrenen, ich würde fast sagen einer sehr viel befahrenen Landstraße ohne Fußweg hangeln wir uns durch ein Gewerbegebiet und biegen dann rechts in einen kleinen Vorort Portos ab; der Himmel ist nach wie vor bedeckt, aber nun liegt doch ein leicht salziger, algiger Geruch in der Luft; kurze Rast vor einer blauweiß gekachelten Kirche und dann erreichen wir ein paar Minuten später die felsige, dunstige Küste auf einer neuwertigen, holzbeplankten, hohen Steinpromenade; zu den Klängen der volltönig tosenden Brandung (zumindest für 3 der anwesenden Ohren) sitzen wir uns auf der Promenade und lassen die Umgebung auf uns wirken; Martin wird plötzlich unruhig und verlangt nach Hirschtalg den er nach Herausgabe ohne Verzögerung auf seine Füße, ich zitiere: „appliziert“ (das ist bildungssprachlich für „auftragen“);

Wir befinden uns nun offiziell auf dem Caminho Portugues nach Santiago de Compostella und laufen gen Norden, den Atlantik immer zu unserer Linken und mit dem Ziel, den kleinen Ort Lavra zu erreichen, dort soll es einen Campingplatz mit Hütten geben; Mittagsrast in einer Strandbar, es gibt hier eine Art Fischpfanne mit Salat, dazu Bier der Marke „Super Bock“ und wir freuen uns über diesen überaus passenden Namen; Die Fischpfanne ist derartig fettig, das wir Schnaps bestellen müssen, der uns in Cognac-Schwenkern serviert wird, die man in doppelter Hinsicht als halbvoll erachten darf.

Fabrik

Meeresrauschen und Landschaft nehmen nun einen sanfteren Charakter an und wirken leicht verschwommen, aber wir setzen unseren Weg unbeirrt fort; es ist früher Nachmittag und uns ist alles egal; mit toxischen Alkoholdämpfen gefüllte Fettblasen rülpsend, passieren wir einen Obelisken, den wir nicht als das Wahrzeichen würdigen, das er vermutlich ist; vielmehr werden unsere Blicke immer wieder magisch von einer riesigen Chemiefabrik angezogen, die weiter im Süden direkt an der Küste errichtet wurde und deren Schlote bis in die tief hängenden Küstenwolken reichen;

Baum

Irgendwann, so gegen 5, erreichen wir doch noch den Parque de Campismo Angeiras in Lavra, mieten einen Bungalow und ich wasche gleich ein paar Sachen, die bei diesem feuchten Küstenklima nicht trocknen werden; wir entdecken ein Schwimmbad auf dem Gelände, ziehen ein paar Bahnen in der Abendsonne und beschließen den Tag bei einem Pfeifchen vor dem Bungalow; dann fällt jeder Wanderer in sein eigenes Koma.

Wetterbericht: Bedeckt bei lauwarmen Temperaturen, einmal kurz leichter Nieselregen, aber vielleicht war es auch nur Gischt.
Pilgerbericht: Eine kleine Gruppe Wanderer am Obelisken gesichtet aber wieder aus den Augen verloren.
Tagesstrecke: 12 km
Gesamtstrecke: 12 km

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Tag 1: 11:39 Uhr mit ICE in Leipzig losgefahren; leider eine Quatsch- und Tratschtante auf dem Sitz direkt hinter mir und ich denke an Volker Strübings Geschichte „Zug nach München“, in der er sich selbst als „… Kolateralschaden eines endlosen Banalitätenbombardements…“ bezeichnet; am Flughafen laufe ich von Terminal 1 zu Terminal 2 und fühle mich schon ganz wie der Wanderer, der ich in den kommenden 10 Tagen sein möchte; nach einer halben Stunde erreiche ich Terminal 2 und fühle mich irgendwie nicht wie der ausdauernde Wanderer, der ich per Selbstdefinition eigentlich bin, welch Schande; Von hier aus kann man meine Bleibe für die Nacht vor dem Abflug bereits erblicken, aber ich nehme dann doch das wartende Shuttle, da ich heute keine Lust mehr habe, eine Autobahn zu Fuß zu überqueren; Den Abend verbringe ich in einem Hotelzimmer mit Aussicht auf den Flughafen bei Sonnenuntergang und schaue „Last Samurai“ im Fernsehen. Weiter zu Tag 2