Anlässlich des GEO-Tags der Artenvielfalt beteiligte sich das PGI am 14.06.2014 an einer Fledermaus-Exkursion in den Schlosspark Lützschena. Treff- und Ausgangspunkt der Exkursion war die Auwaldstation Leipzig. Es organisierten und leiteten Marco Roßner (hochfrequent – Fachbüro für Fledermauskunde, Naturschutzplanung und ökologische Projektbegleitung sowie GeoWerkstatt Leipzig e.V.) und Sarah Bähr (NABU Sachsen).

Auwaldstation

Einleitendes

Gegen 20 Uhr versammeln sich die ca. 20 großen und kleinen interessierten Teilnehmer um die Organisatoren. Nach einer kurzen Vorstellrunde räumt Marco Roßner ordentlich mit diversen Fledermaus-Mythen auf. Fledermäuse krallen sich weder in Kopfhaar, noch saugen sie Blut, bringen weder Unglück noch haben sie etwas mit dem Teufel zu schaffen. Bis in die jüngste Vergangenheit sei es in vielen Regionen Europas üblich gewesen, eine tote Fledermaus dreimal um das eigene Anwesen herumzutragen und sie anschließend an Haus- oder Stalltür zu nageln. Das sollte schlimme Krankheiten und anderes Ungemacht fernhalten.
Danach werden anhand großformatiger Fotos die 23 in Deutschland beheimateten Fledermausarten vorgestellt. Marco Roßner ordnet die Fotos auf dem Boden systematisch nach den sieben Überfamilien. Auf dem letzten Foto ist eine Fledermausart mit eigentümlich geformter Nase abgebildet. Marco fragt in die Runde ob wir den Namen erraten können und tatsächlich ruft jemand verschmitzt „Waldschlösschenbrücke“! Eine Anspielung an einen beinahe verhinderten Brückenneubau in Dresden 2007. Es handelt sich hierbei um die Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros).
Nun werden Fragen gestellt und man erfährt u.a., dass Flughunde (Megachiroptera) und Fledermäuse (Microchiroptera) gemeinsam die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera) bilden. Fledermäuse haben sich auf die Nacht- und Flughunde auf die Tagaktivität spezialisiert. Flughunde können besser sehen, haben aber dafür nur rudimentäre Befähigung zur Ultrschallortung. Fledermäuse bewohnen Höhlen, Baumhöhlen, Hohlräume innerhalb und an Gebäuden und künstliche Quartiere (Kästen). Selbst nur daumenbreite Nischen werden als Quartiere in Erwägung gezogen. Fledermäuse sind ausgesprochen soziale Säugetiere und wohnen gerne in Kolonien. Dabei variieren sie gerne ihre Unterkünfte und bevorzugen Reviere mit möglichst vielen verschiedenen Wohnoptionen.

Die Wegbiegung

Es geht los und unsere kleine Gesellschaft begibt sich auf die erste Etappe. Unterwegs sind wir dazu angehalten, nach möglichen Fledermausquartieren Ausschau halten. Zwei der kleinsten Forscher entdecken am Stamm einer abgestorbenen Eiche eine Baumhöhle und weisen die Exkursionsleitung aufgeregt darauf hin. Ja, hier könnten Fledermäuse leben, es ist sogar sehr wahrscheinlich. An einer Wegbiegung machen wir Halt. Hier erläutern Marco Roßner und Sarah Bähr Aufbau und Funktion der verschiedenen Fledermauskästen, die hier an Baumstämmen befestigt wurden.
Jemand stellt die wichtige Frage nach dem Paarungs- und Fortpflanzungsverhalten der Fledermäuse. Tatsächlich ist der Auwald ein wichtiges Paarungsrevier für verschiedene Fledermausarten, die hier auf ihren saisonalen Wanderungen Zwischenstation machen. Fledermäuse wandern im Spätsommer bis zu 1500 km von Litauen nach Süddeutschland oder sogar bis nach Südeuropa, um dort ihre Winterruhe zu halten.
Im Spätsommer locken Fledermausmännchen die Weibchen mit speziellen Paarungsrufen in Hohlräume (z.B. Baumhöhlen) und blockieren den Ausgang. Auf diese Weise „fängt“ ein Männchen pro Nacht oft mehrere Weibchen und vollzieht die Paarung dann am darauffolgenden Tag, wenn die Weibchen schlafen. Der Samen kann im Körper der Weibchen monatelang gespeichert werden. Nach der Winterruhe und sobald es die klimatischen Umgebungsbedingungen und das Nahrungsangebot gestatten, sind die Weibchen dazu in der Lage sich selbst zu befruchten. Ein Jungforscher fragt, woher Fledermäuse „wüssten“, ob und wann das Außenklima ein Verlassen der Höhle gestattet. Denn oft seien doch die klimatischen Bedingungen in Hohlräumen, besonders in tiefliegenden Höhlen, stets gleich. Dies ist noch wenig erforscht, räumt Marco Roßner ein. Vermutlich können Fledermäuse auch geringste Klimaschwankungen, die es auch in Höhlensystemen gibt wahrnehmen. Denn auch das Höhlenwetter wird durch Faktoren des Außenklimas beeinflusst.
Die Aufzucht der jungen Fledermäuse, so weiß Sarah Bähr zu berichten, erfolgt in organisierten Wochenstuben. Dabei finden sich ausschließlich Fledermausweibchen und deren Nachwuchs (i.d.R. 1 Junges pro Weibchen) in größeren Gruppen zusammen. Während die Mütter in der Dämmerung wie gewohnt auf Nahrungssuche gehen, bleiben meist ein bzw. nur wenige Weibchen in der Höhle zurück und wachen über die winzigen, dabei aber riesenohrigen Jungfledermäuse. Bei drohender Gefahr, z.B. Taschenlampenlicht, rücken sie dicht zusammen und bilden instinktiv eine Art Knäuel.

Die Wiese

Wir laufen weiter und erreichen wenig später eine kleine Wiese. Unter einer alten Eiche bilden wir wieder einen Halbkreis um die Exkursionsleiter. Marco und Sarah erzählen nun etwas über das Jagdverhalten der Fledermäuse und demonstrieren die Funktionsweise eines mobilen Fledermausdetektors. Er moduliert Ultraschallsignale in für Menschen wahrnehmbare Frequenzen. Bereits ein Fingerschnippen oder sanftes Streifen einer Schuhsohle über Grashalme erzeugt Ultraschallgeräusche. Betimmte Fledermausarten sind in der Lage, auf Blättern herumkrabbelnde Insekten zu orten und erfolgreich zu jagen. Um sich bei der Jagd auf engstem Raum nicht gegenseitig zu behindern, modulieren Fledermäuse ihre Ultraschallsignale auf jeweils individuelle Frequenzen im Bereich von 15 bis 150 kHz. Auf diese Weise können Schallquellen und Echos eventueller Beutetiere auseinandergehalten werden. Die Amplituden der ausgestoßenen Ortungsimpulse variieren dabei nicht nur in ihrer Frequenz, sondern auch in der Art ihrer Abfolge, je nachdem ob ein Revier weiträumig „gescannt“ wird oder schon geortete Beutetiere im Nahbereich anvisiert werden. Sarah fügt hinzu, dass da wo es erfolgreiche Jagdmethoden gibt, sich natürlich auch wirksame Schutzmechanismen seitens der Beutetiere entwickeln. Viele nachtaktive Insektenarten sind beispielsweise zur Wahrnehmung und teilweise auch zur Erzeugung von Ultraschallsignalen fähig und reagieren auf Ortungslaute der Fledermäuse mit Zickzackflügen, Ausweichmanövern oder lassen sich einfach auf den Boden fallen.

Die Waldlichtung

Nicht weit von der Wiese entfernt gibt es ein sichelförmige Lichtung, umgeben von hohen Eichen, Buchen, Linden und diversen Nadelgehölzen. Als wir die Lichtung bei Einbruch der Dämmerung erreichen, staunen wir nicht schlecht über den sich uns bietenden Anblick. Das Halbrund der Lichtung wurde mit mindestens 5m hohen, sehr feinen Netzen abgespannt. In der Mitte der Lichtung steht ein PKW Kombi mit eingeschalteter Kofferraumbeleuchtung und ein Campingtisch mit darauf abgestellten Aluminiumkoffern, allerlei elektronischen Gerätschaften für die bioakkustische Erfassung von Ultraschallsignalen, Computertechnik für das Monitoring und die Analyse des Raumnutzungsverhaltens der Fledermäuse sowie Kästchen mit Armklammern in verschiedenen Größen für die Individualmarkierung eingefangener Tiere. Hier erwartet uns Frank Meisel und erläutert Schritt für Schritt die Feldausrüstung eines Fledermausforschers. Der kleine mobile Fledermausdetektor steht inzwischen auf dem Dach des PKW und gibt hin und wieder rythmisch-schnalzende Laute von sich. Und tatsächlich, hoch über unseren Köpfen und den Baumkronen flattern kleine Gestalten lautlos durchs Dämmerlicht. Marco bringt eine kleine Holzkiste herbei und entnimmt ihr eine winzige lebende Fledermaus, die mit gebrochenem Arm gefunden wurde und sich nun in Pflege befindet. Dann liegt sie auf Sarahs Hand und darf aus nächster Nähe betrachtet und auch fotografiert werden. Vielleicht doch etwas beunruhigt durch zu viele Smartphone-Blitzlichter hangelt sich die Fledermaus behende in Sarahs Jackenärmel und blieb darin verborgen. Ein würdiges Ende einer hochinteressanten Exkursion.

Leseempfehlung:
Großes Interesse zum GEO-Tag der Artenvielfalt

2 Thoughts on “Exkursionsbericht: Fledermäuse

  1. Endlich, der lang ersehnte Bericht über die Microchiroptera! Hochinteressant und lehrreich, insbesondere die Ultraschallsensibilität mancher Insekten sowie das Einsammeln der Weibchen zur Fortpflanzung waren mir bis dato völlig unbekannt.

    Wir auch für das PGI entsprechende Fledermausdetektorausrüstung angeschafft werden?

  2. Pingback: The Passage » PGI ::: vor Ort | des Nächtens, bei den Fledermäusen

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